
(Die vier Damen vom Spam)
Ein Fazit nach der re:publica 2012 – (es wurde schon fast alles dazu gesagt; nur eben noch nicht von jedem).
Für mich persönlich war das bisher die schönste re:publica mit einem wunderbaren Team (<3 Inés Gutiérrez, Maike Hank und Caro Buchheim) und unserem Vortrag zum Thema Poetry Spam (nächste Woche online zu sehen). Daneben passte die Stimmung, die Location, die anwesenden Leute – alles fühlte sich genau richtig an. Der Wechsel in die Station mit viel mehr Besuchern sorgte für ein gemischteres Publikum; dazu war es leichter möglich, von einer Session in die nächste zu kommen, weil erstens die Wege überschaubar waren, zweitens oft eine Viertelstunde Zeit zwischen den Vorträgen lag. Dazu gab es den „Affenfelsen“, auf dem sich die verschiedenen Gruppen um Steckdosen herum drapierten und genug Platz zum Kaffee trinken hatten; zum tratschen und sozialen Interaktionen wie digitales Lausen.
Besonders viele Sessions habe ich nicht geschafft, aber zwei Vorträge blieben mir im Kopf – einerseits Cindy Gallop mit ihrem Projekt “Make Love, not Porn”, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Realität im Bereich Sex noch einmal deutlicher darzustellen; für eine Generation, die mit allzeit verfügbarer Pornographie aufwächst und aufgrund mangelnder Aufklärung nicht so genau weiß, dass diese Hochglanzsexualität nicht alles ist, was Zweisamkeit ausmacht.
Bisher hatte ich nicht darüber nachgedacht, dass die digitale Überpornographisierung solche Folgen haben könnte – aber nach dem Vortrag finde ich es wichtig und richtig, dass eine Debatte über die Themen angestoßen wird, die als “Langzeitfolgen” des Internets bezeichnet werden können und uns selbst vielleicht gar nicht betreffen, sondern die Generation, die wirklich mit und im Internet aufwächst.
Wichtig fand ich ebenfalls Sascha Lobos Vortrag – und den Gedanken, dass es an der Zeit für eine Renaissance der Blogs in Deutschland ist. Daneben hat Sascha dem Publikum das “Uns” angeboten – und das fand ich eine weitere spannende Beobachtung: wie schwer es den meisten Internetmenschen fällt, sich selbst als Teil einer “Netzgemeinde” zu sehen. Die üblichen Argumente wie “Aber es gibt doch auch keine Fax- und Telefongemeinde!” kommen auf und das Gefühl, nicht Teil eines Clubs sein zu wollen, der einen als Mitglied akzeptieren würde. Und doch: auf der re:publica hat sich dieses Jahr der Großteil der “Netzgemeinde” versammelt. Wir sind der sichtbare Teil dieser Netzgemeinde, weil das Internet ein wichtiger Teil unseres Lebens ist – und weil wir alle publizieren (in Blogs, in Foren, auf Twitter) und Debatten anstoßen, um Themen, die uns und unser Leben direkt betreffen. Wir konsumieren nicht nur still, wir sind meistens nicht anonym, wir beziehen Stellung – weil uns das hier alles nicht egal ist.
Vielleicht würde uns etwas mehr Selbstbewusstsein gut tun – und das Bewusstsein dafür, dass sich diese Netzgemeinde als große, heterogene Gruppe nicht so einfach zusammenfassen lässt; aber dass es sie durchaus gibt, und es vollkommen in Ordnung ist, dazuzugehören.
Final noch ein paar Worte zum Thema Sichtbarkeit von Frauen und Frauenquote bei den Vortragenden auf der re:publica, die dieses Jahr bei 30% lag. Nachdem die re:publica-Panels in diesem Jahr bestätigt wurden, war in der Mail zu lesen, dass es bei Gruppen-Panels idealerweise von 5 Speakern zwei Frauen geben sollte. Ein lobenswerter Ansatz – der jedoch erst geäußert wurde, nachdem man sein Paper eingereicht hatte und die Session bereits geplant war. Daher finde ich es durchaus verständlich, dass nicht alle Panels im Nachhinein auf diese Vorgabe reagierten. Weiterhin bemerkte Das Nuf, dass in der Berichterstattung über die re:publica kaum Frauen zu Wort kamen. Das kann durchaus auch daher kommen, dass nicht besonders viele Frauen bereit waren, ein Statement abzugeben – ich selbst wurde im Laufe der Konferenz mehrmals um ein Statement gebeten und habe es jedesmal abgelehnt. Nicht, weil ich eine Frau bin; sondern, weil ich keine Lust hatte, mich öffentlich zu äußern. Vielleicht werden Frauen also nicht absichtlich übergangen, vielleicht wollen einige einfach nicht immer am öffentlichen Diskurs teilnehmen.
Gerade bei einer offenen Konferenz, die vom Mitmachen lebt, ist es in Zukunft eben an uns (“uns” = Netzgemeinde, oder “uns” = Frauen, je nach Sichtweise), selbst aktiv zu werden und uns zu beteiligen. Am Ende sollte es auch darum gehen, dass man selbst ein bestimmtes Thema in die Konferenz einbringen will – und nicht darum, eine Quote zu erfüllen. Mitmachen bedeutet Arbeit, ein Stück unserer Zeit, etwas mehr Hingabe – und die muss jede/r selbst aufbringen wollen; oder es eben lassen. Vielleicht ist es also wichtig, dass wir (= Netzgemeinde, oder = Frauen, oder = Frauen der Netzgemeinde) das ernst nehmen, dass wir selbst mehr Themen einreichen und auch alle Frauen ansprechen, die etwas zu sagen haben und das darüber hinaus in einem Vortrag tun wollen. Dann brauchen wir im nächsten Jahr keine Relevanzrelevanzdiskussionen mehr.
(Sehr gute Zusammenfassung der re:publica 2012 von A-Z hier.)