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Das Leben im Pyjama, unaufgeregt.

Ich hebe das Teeglas hoch, und dabei sehe ich die Narbe auf meinem kleinen Finger, die ich mir in der Grundschule geholt habe, als wir eine Schale aus einem Stück Teakholz schnitzen mussten. Mit einem Stechbeitel. Stechbeitel. Was für ein Wort.

Ich habe mal gehört, dass die Haut sich mindestens alle achtundvierzig Stunden erneuert. Also, wenn man jemandem nach ein paar Tagen die Hand schüttelt, hat man schon nicht mehr dieselbe Person zu fassen und man selbst ist auch nicht mehr dieselbe Person. Nur die Narben bleiben. Kein Charakterzug, keine Erinnerung ist so stabil.

[...]

Ich wäre jetzt gern ein bisschen sentimental, aber ich bin es nicht. Ich bin vollkommen ruhig. Ich bin vollkommen leer, und dann fange ich auf einmal an zu weinen.

Dabei weine ich sonst nur vor dem Fernseher. Das letzte Mal wegen irgend so einer Tiersendung.

Wolfgang Herrndorf – In Plüschgewittern, S. 126.

Ich mag Protagonisten, die nicht so recht wissen, wohin mit sich und dem Leben, und sich beim Herumstolpern zu viele Gedanken machen. Die sich kaputt denken, an dieser Welt und ihren seltsamen Begebenheiten. Man könnte es Popliteratur nennen, man muss aber nicht. Eine wahnsinnig schöne Vorstellung, dass man alle 48 Stunden in einer neuen Haut steckt; und auch, dass Narben die Fixpunkte auf dieser neuen Hülle sind. Das, was bleibt. Stabil.


Jedes Jahr doppeltes Innehalten, einmal an Silvester, einmal am Geburtstag; dazu jedes Mal Glückwünsche für das neue Jahr; Kalenderjahr oder Lebensjahr. Einmal nach hinten schauen und dann wieder weiter nach vorne, that’s where the magic happens. Und leises Staunen: ich hätte nie gedacht, dass es mal so sein könnte. Dass Älterwerden immer schöner wird, und ich immer ruhiger. Fest verankert und sicher.

Dazu das Gefühl, dass es eigentlich ein Tag wie jeder andere ist, aber eben dann doch auch wieder nicht. In diesem Satz steckt immer ein Hauch Ernüchterung und auch in Menschen, die ihn bei jeder passenden Gelegenheit wiederholen. Geburtstage feiere ich erst, seit ich erwachsen bin; ich übe das noch: Dinge schön finden, die es eigentlich nicht braucht.

Ein perfekter Tag für Wolfgang Herrndorfs In Plüschgewittern, der das alles wahnsinnig schön nüchtern und unaufgeregt schreibt, und bei jedem zweiten Satz möchte ich sagen: Ja, genau so. Dazu eine Crème-Brûlée-Tarte aus dem Lieblingstarteladen und fünf neue Bücher aus dem Lieblingsbuchladen. Ja, genau so.


Mein neuer YouTube Crush is sexy and he knows it. Bei Ansicht des Videos wird dann alles klar. Bitte schauen Sie sich das Video nicht an, wenn Sie sehr sensibel sind oder hormonell in einer schwierigen Phase.

Die spannende Frage: Darf der das eigentlich? Das Lied einer anderen, bekannten Band covern und das Video dazu ins Internet stellen? Aus genau diesem Grund müssen wir uns nochmal über das Urheberrecht unterhalten, und Thomas Pfeiffer hat dazu eine unterstützenswerte Initiative auf wir-sind-die-buerger.de gestartet:

Das Internet verändert dramatisch die Rahmenbedingungen für kulturelles Schaffen. Plötzlich stellen sich urheberrechtliche Fragen für alle von uns – auch für Laien:

  • Wie viel Text darf man zitieren, ohne das Urheberrecht zu verletzen?
  • Darf man zu seinem Lieblingslied singen oder tanzen und das Video dazu im Internet veröffentlichen?
  • Darf man eine berühmte Filmszene nachsprechen oder im eigenen Sinn interpretieren (z.B parodieren)?
  • Ist eine bestimmte Art der Nutzung mit dem Kauf von CD, Buch oder Datei bereits abgegolten?

Wir Bürgerinnen und Bürgern sind mit den Regeln überfordert, wenn wir im Internet kreativ werden. Gleichzeitig sind kulturschaffende Profis zu Recht darüber empört, dass ihre Werke ohne Bezahlung verwendet werden.

Das finde ich die schönste Erkenntnis: “Wir sind mit den Regeln überfordert.” Ja, wir wollen das Urheberrecht nicht brechen, wir wollen auch gar nicht alles kostenlos; aber wir verstehen manche dieser Regeln einfach nicht so genau.

Diese Seite ist noch ganz neu – also; irgendwie schon und irgendwie auch nicht. Quasi gerelaunched.  Selbstgehostet, jetzt – Umzug und Import (während der re:publica) waren ein mittleres Drama, weil es eben doch Rocket Science ist und nicht mal eben so.

Das Theme ist reduziert, es gibt keinen bunten Firlefanz und keinen Header mehr, die Marginalspalte ist jetzt links und nicht mehr rechts. Bumm, da ist der Content. Kommentieren kann man hier immernoch nicht; aus verschiedenen Gründen, die sich in vergangenen Blogkommentardiskussionen manifestierten und mich dazu motivierten, die Kommentare dauerhaft abzuschalten. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Internetnutzer, die einzeln sinnvolle Beiträge beisteuern, beim Rudelbumskommentieren ihren Restverstand schon bei Ansicht eines weißblinkenden Kommentarfelds zurücklassen müssen. Meinungen und Feedback kann man natürlich gerne weiter per Mail schicken oder auch als Twitter Reply.

Die Links, die früher so feinsäuberlich nach Kategorien geordnet waren, sind jetzt einfach alle in einer Reihe, alphabetisch sortiert. Das ist nur konsequent, dass Dooce jetzt neben Draußen nur Kännchen steht, oder ruhepuls neben den rockstar diaries.

In den letzten Monaten hatte ich auch eine Social Müdia-Phase, wollte weder besonders viel schreiben, noch besonders viel lesen. (Das wird jetzt wieder anders, ich schwör’s!) Inhaltlich bleibt das weiter ein buntes Potpourri aus “Leben und so”  - nach all den Jahren passt das immer noch nicht in eine Blogschublade. Nicht, dass man dringend eine bräuchte, aber es erleichtert das dauerhafte Schreiben über die Jahre dann doch.

Für das Modebloggen fehlt mir einfach der Stil; für das Tagebuchbloggen bin ich nicht so der Typ; für das Muttibloggen fehlen mir die Kinder; für das Politikbloggen das tiefenpolitische Interesse; für das poetische Emobloggen der Liebeskummer, für das Katzenbloggen fehlt meiner Katze das darstellerische Talent; für das Lifestylebloggen der aufregende Lifestyle; für das Fotografie- und Kunstbloggen bin ich einfach nicht arty genug; für das Foodbloggen fehlt mir das entsprechende Kochtalent.
(Im Herzen wäre ich am liebsten Foodblogger, ich kann eine Handvoll Gerichte zusammenschustern, aber nichts, das irgendwie schön auf Fotos aussieht. Überhaupt bin ich eher so jemand, der ganz viele Kochbücher hat – und dort vor allem gerne die Bilder anschaut. Vielleicht mache ich eines Tages noch ein Foodblog, das von ehrlichen, dick belegten Broten handelt. Happy Schnitte.)

Was ich anbieten kann: Den Begriff Unaufgeregter Pyjamablogger. Ohne Gender-Formulierungen. That’s me. Ich bin leidenschaftlich gerne zuhause, habe im Pyjama grundsätzlich die besten Ideen; ich mag bodenständiges Essen, kalten Weißwein, begeisterte mich höchstgradig für schöne Geschichten, Filme und Serien, fellige Tiere, gitarrenlastige Musik, Kunst und Bücher, und wühle gerne im Garten durch die Erde. Aufregender wird’s auch in Zukunft nicht. It’s not a bug, it’s a feature.

Doch wie man Freunde abserviert, bringt einem keine Etikette bei, seltsam in einer Gesellschaft, in der einem vom Handy-Gebrauch in Restaurants bis zur Konfliktlösung in Patchwork-Familien alles Menschenmögliche beigebracht wird. Wer eine Freundschaft beenden will, wird allein gelassen. Vielleicht weil alle Welt davon ausgeht, dass eine Freundschaft, die ihren Namen verdient, alles aushalten sollte. Tut sie aber nicht.

Das Beenden von Beziehungen ist schon enorm schwer; meist jedoch noch einfach abgekürzt von dem Faust in den Magen schlagenden Allzeit-Trennungs-Klassiker “Lass uns Freunde bleiben!”.
Aber wie sagt man Freunden, dass man nicht mehr mit ihnen befreundet sein will? Lesenswerter Text von Peter Praschl beim SZ Magazin.


Wäre das nicht schön, wenn man zu jedem Thema, das einen beschäftigt, einen Erwachsenen fragen könnte?
Und dann nicht irgendeinen, sondern Jon Hamm?
“You’ll be just fine.” ♥


(Die vier Damen vom Spam)

Ein Fazit nach der re:publica 2012 – (es wurde schon fast alles dazu gesagt; nur eben noch nicht von jedem).

Für mich persönlich war das bisher die schönste re:publica mit einem wunderbaren Team (<3 Inés Gutiérrez, Maike Hank und Caro Buchheim) und unserem Vortrag zum Thema Poetry Spam (nächste Woche online zu sehen). Daneben passte die Stimmung, die Location, die anwesenden Leute – alles fühlte sich genau richtig an. Der Wechsel in die Station mit viel mehr Besuchern sorgte für ein gemischteres Publikum; dazu war es leichter möglich, von einer Session in die nächste zu kommen, weil erstens die Wege überschaubar waren, zweitens oft eine Viertelstunde Zeit zwischen den Vorträgen lag.  Dazu gab es den „Affenfelsen“, auf dem sich die verschiedenen Gruppen um Steckdosen herum drapierten und genug Platz zum Kaffee trinken hatten; zum tratschen und sozialen Interaktionen wie digitales Lausen.

Besonders viele Sessions habe ich nicht geschafft, aber zwei Vorträge blieben mir im Kopf – einerseits Cindy Gallop mit ihrem Projekt “Make Love, not Porn”, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Realität im Bereich Sex noch einmal deutlicher darzustellen; für eine Generation, die mit allzeit verfügbarer Pornographie aufwächst und aufgrund mangelnder Aufklärung nicht so genau weiß, dass diese Hochglanzsexualität nicht alles ist, was Zweisamkeit ausmacht.
Bisher hatte ich nicht darüber nachgedacht, dass die digitale Überpornographisierung solche Folgen haben könnte – aber nach dem Vortrag finde ich es wichtig und richtig, dass eine Debatte über die Themen angestoßen wird, die als “Langzeitfolgen” des Internets bezeichnet werden können und uns selbst vielleicht gar nicht betreffen, sondern die Generation, die wirklich mit und im Internet aufwächst.

Wichtig fand ich ebenfalls Sascha Lobos Vortrag – und den Gedanken, dass es an der Zeit für eine Renaissance der Blogs in Deutschland ist. Daneben hat Sascha dem Publikum das “Uns” angeboten – und das fand ich eine weitere spannende Beobachtung: wie schwer es den meisten Internetmenschen fällt, sich selbst als Teil einer “Netzgemeinde” zu sehen. Die üblichen Argumente wie “Aber es gibt doch auch keine Fax- und Telefongemeinde!” kommen auf und das Gefühl, nicht Teil eines Clubs sein zu wollen, der einen als Mitglied akzeptieren würde. Und doch: auf der re:publica hat sich dieses Jahr der Großteil der “Netzgemeinde” versammelt. Wir sind der sichtbare Teil dieser Netzgemeinde, weil das Internet ein wichtiger Teil unseres Lebens ist – und weil wir alle publizieren (in Blogs, in Foren, auf Twitter) und Debatten anstoßen, um Themen, die uns und unser Leben direkt betreffen. Wir konsumieren nicht nur still, wir sind meistens nicht anonym, wir beziehen Stellung – weil uns das hier alles nicht egal ist.
Vielleicht würde uns etwas mehr Selbstbewusstsein gut tun – und das Bewusstsein dafür, dass sich diese Netzgemeinde als große, heterogene Gruppe nicht so einfach zusammenfassen lässt; aber dass es sie durchaus gibt, und es vollkommen in Ordnung ist, dazuzugehören.

Final noch ein paar Worte zum Thema Sichtbarkeit von Frauen und Frauenquote bei den Vortragenden auf der re:publica, die dieses Jahr bei 30% lag. Nachdem die re:publica-Panels in diesem Jahr bestätigt wurden, war in der Mail zu lesen, dass es bei Gruppen-Panels idealerweise von 5 Speakern zwei Frauen geben sollte. Ein lobenswerter Ansatz – der jedoch erst geäußert wurde, nachdem man sein Paper eingereicht hatte und die Session bereits geplant war. Daher finde ich es durchaus verständlich, dass nicht alle Panels im Nachhinein auf diese Vorgabe reagierten. Weiterhin bemerkte Das Nuf, dass in der Berichterstattung über die re:publica kaum Frauen zu Wort kamen. Das kann durchaus auch daher kommen, dass nicht besonders viele Frauen bereit waren, ein Statement abzugeben – ich selbst wurde im Laufe der Konferenz mehrmals um ein Statement gebeten und habe es jedesmal abgelehnt. Nicht, weil ich eine Frau bin; sondern, weil ich keine Lust hatte, mich öffentlich zu äußern. Vielleicht werden Frauen also nicht absichtlich übergangen, vielleicht wollen einige einfach nicht immer am öffentlichen Diskurs teilnehmen.

Gerade bei einer offenen Konferenz, die vom Mitmachen lebt, ist es in Zukunft eben an uns (“uns” = Netzgemeinde, oder “uns” = Frauen, je nach Sichtweise), selbst aktiv zu werden und uns zu beteiligen. Am Ende sollte es auch darum gehen, dass man selbst ein bestimmtes Thema in die Konferenz einbringen will – und nicht darum, eine Quote zu erfüllen. Mitmachen bedeutet Arbeit, ein Stück unserer Zeit, etwas mehr Hingabe – und die muss jede/r selbst aufbringen wollen; oder es eben lassen. Vielleicht ist es also wichtig, dass wir (= Netzgemeinde, oder = Frauen, oder = Frauen der Netzgemeinde) das ernst nehmen, dass wir selbst mehr Themen einreichen und auch alle Frauen ansprechen, die etwas zu sagen haben und das darüber hinaus in einem Vortrag tun wollen. Dann brauchen wir im nächsten Jahr keine Relevanzrelevanzdiskussionen mehr.

(Sehr gute Zusammenfassung der re:publica 2012 von A-Z hier.)

Gesehen
“Best Exotic Marigold Hotel”. Und die Alpen aus dem Riesenrad.

Gehört
Alabama Shakes, Manic Street Preachers, Jamie Lidell, Mayer Hawthorne, und gelegentlich Lady Gaga. (T-t-t-telephone!)

Gelesen
Wolfgang Herrndorf – Tschick. Nagel – Was kostet die Welt. Christopher Kloebe – Meistens alles sehr schnell. Alberto Torres Blandina – Salvador und der Club der unerhörten Wünsche.

Gemacht
Fokussiert.

Gelernt
Man pflanzt nichts vor den Eisheiligen; egal, wie schön das Wetter wirkt.

Gelacht
Über diesen Abreißzettelwitz.

Gesagt
“Holst du mich für immer vom Flughafen ab?”

Gemerkt
Die Natur hat doch immer recht.

Gefühlt
CAPS LOCK.

Weißblau; für immer eine Herzensangelegenheit.

This isn’t sometimes; yeah, it’s for always. (Brittany Howard erinnert mich irgendwie an Janis Joplin, nur nicht ganz so übersteuert; und das hier, das ist auch sehr schön. You ain’t alone, just let me be your ticket home.)