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Es ist das Herzblut, die große Begeisterung und die unübersehbare Liebe zur Musik, die mich bei jedem einzelnen Lied von Choir Choir Choir begeistert.
Was für ein toller, liebenswerter Haufen. Und wie schön das immer klingt, wenn tausend Leute zusammen singen: enorm schön.
Ich kann nicht aufhören, mich daran zu freuen.


Wahnsinnig gut, auf diese tollschlimme Art: Wie David Bowie und Mick Jagger ohne Hintergrundmusik klingen. (Man merkt aber auch einen deutlichen Unterschied.)

Ich starte ein Experiment (vermutlich nächste Woche), und du kannst gerne mitlesen. Die Idee ist ja nicht ganz neu, das machen jetzt immer mehr Leute: Persönliche Newsletter verschicken, als Einzelpersonen; manche sind wie ein Brief, was so die Woche geschah; manche beschäftigen sich mit bestimmten Themen, Elternschaft oder Design.

Ich lese das wahnsinnig gerne, ich mag Mails auch immer noch so gerne als Kommunikationsform: totgesagt, aber hartnäckig. Man kann sich da die Zeit nehmen, das zu lesen, wann es passt; es ist so halb-privat, man ist als Empfänger schon immer gemeint.

Darauf bin ich auch gespannt: wie es mein Schreiben und Denken beeinflusst, ungefähr zu wissen, wer da mitliest; bei Blogposts und Tweets hat man ja keine Ahnung, wer das wirklich sieht. Statt “Blog like nobody’s watching” also das genaue Gegenteil; mit einigen in eine persönliche Brieffreundschaft eintauchen und schauen, was dann passiert.

Das finde ich gerade wahnsinnig interessant: die Gespräche hinter den Kulissen, die sich in den letzten Wochen in meiner Inbox entwickelt haben; mit Menschen, die teilweise lange still mitlesen, und dann in einer privaten Nachricht ganz erstaunliche Dinge sagen. Was mich antreibt, ist die Neugier, ich will wissen, was da auf uns wartet; ich habe keine Ahnung, wo das hinführt, es gibt kein bestimmtes Ziel und nichts zu verkaufen. Vielleicht höre ich auch irgendwann wieder auf, weil es sich im Sande verläuft; das ist das Schöne an offenen Experimenten, die nichts werden müssen.

Es wird persönlich sein: Die Bücher und Texte, die ich gerade gelesen habe. Was mich gerade bewegt und umtreibt. Was mich beeinflusst. Wo ich gerade persönlich wachse. Worüber ich nachdenke, tagsüber und auch nachts, wenn ich wach liege.
Was für Musik ich gerade höre. Welche Ideen in meinem Kopf gerade quer liegen.
Was ich gerade schön finde.

Ich schreib’ dir, als Sue Reindke, straight from the heart; nicht die Onlinefigur, sondern die dahinter. Ich würde mich freuen, wenn du dich mit echtem Namen oder echtem Online-Profilnamen (Twittername oder so) anmeldest; ein Teil des Experiments ist ja, ungefähr zu wissen, wem man da schreibt.
Du kannst mitlesen, und dich hier anmelden, wenn du magst.


Im Sommerlesestapel weiter oben gelegen, ein Buch über die Liebe. Ein Roman soll es sein, aber eigentlich stimmt das nicht – es ist einerseits die Geschichte eines Paares, exemplarisch; und dazwischen kursiv ein philosophisches Manifest über die Liebe. Das Manifest ist in der Wir-Form geschrieben, es meint also uns, als Lesende und Liebende, und seziert fein die verschiedenen Stadien und Problemfelder einer langen monogamen Beziehung mit Familiengründung (klassisch heteronormativ).

Es stehen enorm viele kluge Sätze drin, die mit und ohne Kontext funktionieren, zum Beispiel über das Verlieben:

Love reaches a pitch at those moments when our beloved turns out to understand, more clearly than others have ever been able to, and perhaps even better than we do ourselves, the chaotic, embarrassing and shameful parts of us. That someone else gets who we are and both sympathizes with and forgives us for what they see underpins our whole capacity to trust and to give. Love is a dividend of gratitude for our lover’s insight into our own confused and troubled psyche.

Über die Partnerwahl an sich:

We are looking to re-create, within our adult relationships, the very feelings we knew so well in childhood – and which where rarely limited to tenderness and care. [...] How logical, then, that we should as adults find ourselves rejecting certain candidates not because they are wrong but because they are a little too right – in the sense of seeming somehow excessively balanced, mature, understanding and reliable – given that, in our hearts, such rightness feels foreign and unearned. We chase after more exciting others, not in the belief that life with them will be more harmonious, but out of an unconscious sense that it will be reassuringly familiar in its patterns of frustration.

Über die Reife in gemeinsamen Krisenphasen:

Few in this world are ever simply nasty; those who hurt us are themselves in pain. The appropriate response is hence never cynicism or aggression but, at the rare moments one can manage it, always love.

Über die Bereitschaft für eine lange Beziehung oder Ehe:

There can only ever be a ‘good enough’ marriage. For this realization to sink in, it helps to have had a few lovers before settling down, not in order to have had a chance to locate the ‘right person, but in order to have had an ample opportunity to discover at first hand, and in many different contexts, the truth there isn’t any such person; and that everyone really is a bit wrong when considered from close up.

Und darüber, wie die Liebe zu den eigenen Kindern die Chance bietet, auch Erwachsenen liebevoller zu begegnen:

The child teaches the adult something else about love: that genuine love should involve a constant attempt to interpret with maximal generosity what might be going on, at any time, beneath the surface of difficult and unappealing behaviour. [...]
How kind we would be if we managed to import even a little of this instinct into adult relationships – if here, too, we could look past the grumpiness and visciousness and recognize the fear, confusion and exhaustion which almost invariably underlie them. This is what it would mean to gaze upon the human race with love.

Ein schönes Plädoyer, die romantische Liebe anders zu betrachten, mit weniger Verklärung und mehr Realitätsabgleich.
[Alain de Botton: The Course of Love*, und ab morgen als deutsche Version u.a. bei Amazon erhältlich: Der Lauf der Liebe*.
Alain de Botton schreibt auch sehr lesenswerte Tweets.]


Nie bin ich emotionaler als in der Nacht vor deinem Geburtstag; da trifft es mich auf einmal mit einer absoluten Wucht: ich habe einen Menschen auf die Welt gebracht! Das ist der absolute Wahnsinn. Und als Mensch bist du wahnsinnig gut geraten, das ist nicht mein Verdienst, aber meine große Freude. Wie du dich entfaltest, wie dein Charakter sich Stück für Stück entwickelt. Was für eine schöne Seele du hast, wie du leuchtest; dein Licht strahlt in vielen Momenten besonders hell. Wie stark du bist, von Anfang an, wie sehr du manche Dinge willst, wie sehr du einfach du selbst bist. Wie neugierig du bist und wie wahnsinnig liebevoll.

Zu meinen Lieblingsritualen gehört es, dich abends zu fragen, ob du heute wieder gewachsen bist, und jedes Mal sagst du “Jaa!”, mit einer Mischung aus Selbstverständlichkeit und Stolz. Manchmal fragst du zurück, ob ich auch gewachsen sei und ich sage dann auch ja, und es stimmt auch immer. Seit deiner Ankunft bin ich über mich hinausgewachsen, für immer und dich. Ich hatte keine Ahnung, wie viel man auf einmal fühlen kann. Mein Herz hat an den meisten Tagen Wachstumsschmerzen, wenn ich dich anschaue und denke, ich halt’s kaum aus, ich platze gleich, das hält doch kein Herz aus, aber dann wird es einfach noch ein Stück größer für dich. Von all den Dingen, die ich in diesem Leben so mache, wird das für immer das Schönste sein: deine Mutter zu sein, deine Reisebegleitung in die weite Welt, dein Ruhepol, deine Reibungsfläche, dein Sprungbrett. Es ist nicht das, was mich alleine ausmacht, aber mein schönstes Bonusglück. Manchmal liegst du zwischen meinem Herzen und meinem Anker, gerade eingeschlafen, und ich werde zum sichersten Ort, an dem ich je war.
Dich zu lieben hat mir eine neue Heimat geschenkt in mir.

Jeder hat sein Päckchen zu tragen; und wenn ich dir für dein Leben nur ein einziges schönes Gefühl in deinen Rucksack stecken könnte, dann dieses: dass du genau gut und richtig bist, wie du bist. Alles an dir ist gut und genau richtig. Ich versuche, dir das sehr oft zu sagen und es dir noch öfter zu zeigen, denn gerade diese scheinbaren Selbstverständlichkeiten sagt man viel zu selten, während man andere Sätze gefühlt hundertmal am Tag sagt. Manche denken, dass die Liebe nicht viele Worte oder Gesten braucht, wenn sie selbstverständlich ist; ich glaube, dass das Gegenteil stimmt, es sollte viel mehr Liebe in jedem Alltag geben. Ich wünsche mir, dass meine Liebe dich durchs Leben trägt und irgendwann zu deiner eigenen Liebe wird, für dich und alles, was dir wichtig ist. Auf dass du dich zu jeder Zeit mit dieser Selbstliebe so sehen kannst, wie du bist: wahnsinnig wunderbar.

Morgen wirst du endlich zwei, und seit einigen Monaten bist du ganz begeistert von Geburtstagen und möchtest endlich auch einen haben, mit Kuchen, Musik und möglichst vielen Luggelongs. Ich puste jetzt noch ein paar auf für dich, glasiere den Kuchen, und denke dabei an diesen Abend vor zwei Jahren, als du dich auf den Weg gemacht hast, bis ich dich zur Mittagszeit endlich im Arm hielt. Ich kannte deinen Namen, lange bevor es dich gab; ich wusste, du würdest kommen. Ich habe ein paar Jahre auf dich gewartet und oft an dich gedacht, bis du endlich bei mir angekommen bist. Und trotzdem trifft es mich mit einer Wucht, immer wieder. Jeden Abend, wenn es ruhig wird, flutet mich die Dankbarkeit, gerade und vor allem an genau den Tagen, die nicht nur locker durchgeflutscht sind. Wie wahnsinnig schön mein Leben ist, und um wie viel schöner, seit du auch drin vorkommst. Was für ein schönes Geschenk des Universums es ist, dass du mich Mama nennst und ich ein Stück des Weges mit dir gehen darf. Wie fragil sich das manchmal anfühlt, zum ersten Mal im Leben etwas Großes zu verlieren zu haben. Mit dir lerne ich, da zu sein und dich gleichzeitig loszulassen und zu vertrauen: darauf, dass alles gutgehen wird und du deinen ganz eigenen Weg gehen wirst; wie schön, dass du da bist.


Es hat gerade geregnet, aber es ist immernoch schwül draußen, keine Ahnung, wie das Wetter das macht. Und dabei riecht alles nach nassem Asphalt, das bleibt ein schöner Klischeegeruch, im Hinterkopf singt Max Herre, halt dich fest, Sommerhymne für immer. Eine Runde Besorgungen, immer gleiche Wege, das ist nach ein paar Jahren Zuhause geworden. Lauter vertraute Gesichter, es hat was kleinstädtisches in den Vierteln hier, man kennt sich ein bißchen, aber auch nicht wirklich, man bleibt sich angemessen fremd.

Auf der Suche nach einer Glühbirne, heißt ja jetzt nicht mehr so, aber so ähnlich. Leichte Irritation am Regal, angeblich sind alle warmweiß, verschiedene Zahlen drauf, die mir alle nichts bedeuten; auf der Rückseite eine Tabelle, die die neuen Zahlen in Watt umrechnet, auf einmal fühle ich mich wie eine alte Oma, die die D-Mark immernoch vermisst und alles umrechnet. Es ist schon gut, dass man das nach so vielen Jahren nicht mehr macht; sonst könnte man kein Café mehr betreten, indem eine Tasse kaltgebrauter Firlefanzkaffee fast zehn Mark kostet. Vielleicht sollte man das aber doch wieder öfter machen, sich selbst mit der Absurdität der heutigen Zeit mehr konfrontieren als bisher.

Noch mehr Entscheidungen, auch immer die selben Gedanken: jedes Mal legt man mehr oder weniger die gleichen Produkte in den Wagen, völlig überfordert vom Überangebot hier, man nimmt das, was man schon kennt; 98 Käsesorten, 162 verschiedene Joghurts, wobei, so verschieden ja nicht, mindestens zehn verschiedene ähnliche Erdbeerjoghurts, selten sehne ich mich so stark nach Auswandern, Holzhütte, selbst stricken wie in diesen Momenten zwischen all den Regalen. Die Dinge aufs Band legen, die schweren Sachen vorne, die leichten, weichen und sensiblen Dinge hinten, Bananen, Eier, Joghurt, das muss später oben, also jetzt hinten, bitte, nicht durcheinander scannen, das hier hat System.

In der Kassenzone am schwarzen Brett ein kurzer Einblick in andere Parallelwelten, Jobgesuche für Computerarbeiten und kleine Tätigkeiten im Haushalt und natürlich Zettel wie: Rollator zum günstigen Preis abzugeben, wieso sollte den jemand loswerden wollen, natürlich weil der Vorbesitzer jetzt nicht mehr damit fährt, und das kann alles heißen oder nichts. Wäre es unangenehm, den Rollator einer toten Person weiterzufahren, würde einen das mit der eigenen Endlichkeit zu sehr konfrontieren oder wäre es einfach ein ziemlich gutes Schnäppchen?
Wenn niemand bei dir ist, denkst, dass keiner dich sucht, du hast die Reise ins Jenseits vielleicht schon längst gebucht.


“Haste den neuen Stuckrad-Barre schon gelesen? Ist echt gut, schonungslos, hart natürlich auch, aber muss man echt lesen.” So, oder so ähnlich, das sagen grade alle, und während es natürlich herzlich egal ist, was alle sagen, jetzt also doch mal wieder Stuckrad-Barre gelesen. Panikherz*, guter Titel, eh klar, der Titel ist die halbe Miete. Keine Rezensionen vorher gelesen, erst nachher, und dann natürlich die Frage aller Fragen: was soll man über so ein Buch schreiben?

Was ist das überhaupt für ein Genre, eine Mischung aus Lebensbeichte, öffentlichem Tagebuch und einer Art Doktorarbeit über Begegnungen mit einzelnen Figuren des Pop- und Literaturbetriebs? Viel zu privat alles beim Blick hinter die Kulissen, Blut, Schweiß, Absturz und Tränen überall, alles selbst erlebt irgendwie, dadurch natürlich eh schon unangreifbar, also kann man alles und nichts drüber sagen; alles natürlich mit HERVORHEBUNGEN, so dass man jederzeit die richtige Betonung kennt und es beim Lesen so ist, als würde er im eigenen Hirn sitzen und vorlesen. Dazu noch ungefähr vier Meta-Ebenen, die wahrscheinlich die Hälfte eh nicht versteht und so viele Popreferenzen, also, da muss man schon viel Musik gehört und die richtigen Bücher gelesen haben; dieses Buch ist wirklich nicht für jeden etwas.

Ein richtiges Brett, 564 Seiten, man muss das schon auch bis zum Ende durchhalten können und wollen, in der Mitte dann irgendwann der große Wunsch, dass es ihm doch bald besser gehen möge, dauert natürlich noch eine ganze, lange Weile; zwischendurch googlen, wie es ihm denn jetzt geht, und falls man eine völlig vermessene Ferndiagnose per Bildersuche ausstellen kann, obwohl man natürlich weiß, dass man nichts weiß, dann wäre es am ehesten “den Umständen entsprechend”.

Es ist ein Männerbuch, von einem Mann über die wichtigen Männer seines Lebens, Frauen eher nur Randfiguren; das alles auszuerzählen wäre ein anderes Buch geworden. Alles eine einzige sausage party, ehemalige Indiejünger bekommen da sicher feuchtschwitzige Hände, man, wen der alles getroffen hat im Laufe seines bunten Treibens! In den wilden Jahren allen ans Bein gepinkelt, später sinkt der Ironiepegel und dann ist da manchmal einfach nur ein Fanboy mit dem großen Glück, im richtigen Moment doch mal am richtigen Ort zu sein, Access All Areas, tiefgründige und weniger tiefgründige Momente mit denen da oben, natürlich wird auch immer klar, wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, gerade und vor allem auch bei denen; er selbst zwar zwischenzeitlich high, aber nicht so richtig oben dabei, eher immer ein Stück daneben, das löst sich nicht auf, nichtmal halbironisch.

So eine einzelne Sucht wäre ja schon hart und anstrengend, aber Drogen, Alkohol und Essstörung? Nur kurz am Anfang wird der eine oder andere Rausch noch glorifiziert, später alles nur noch hässliche Fratze, Christiane F. lässt grüßen. Der Rezensentenfreund, der auf der Rückseite des Buches mit dem Satz “Ich bin ja eher ein bürgerlicher Mensch, aber eines weiß ich nach diesem grandiosen Buch gewiss: Ich hab ‘ne Menge verpasst!” zitiert wird, hatte das Buch zum Zeitpunkt des Zitats entweder noch nicht gelesen oder nix verstanden, ansonsten ist das Gegenteil von gut natürlich gut gemeint und hätte eher eine Backpfeife verdient.

Es ist schade, wenn man mit Udo nichts am Hut hat; weil das der rote Faden des Buchs ist und alles zusammenhält. Leider kein Künstler, über den man zufällig stolpert, die Lieder muss einem schon jemand zur richtigen Zeit vorspielen und einen mit der Udoliebe anstecken; und wenn man richtig drüber nachdenkt, ist es genau der Weg, auf dem die beste Musik ins eigene Leben findet: jemand spielt sie einem genau dann vor, wenn man sie braucht. Dazu also leichte Verwunderung bei Stuckrad-Barre, dass es Leute gibt, die mit Udos Musik nichts anfangen können, aber soll es wirklich geben; dann auch einer der schönsten Sätze des Buchs: Man kann nur jedem wünschen, dass er eine solche Musik hat, die ihm ein Zuhause ist.

Dem Buch fehlen Widmung und Dank, gleich am Anfang gemerkt, immer schade, meine Lieblingsstellen in Büchern, aber am Ende dann auch klar, dass sich Dank und Widmung auf den 564 Seiten verstecken, immer wieder viel Liebe für Udo und die Panikfamilie, und die echte, die ihn immer wieder rausholt, nicht nachlässt, niemals, nicht nach allem, was da gewesen ist.
Das kleingedruckt auszuformulieren wäre vermutlich zu offensichtlich, dann lieber episch zwischendrin.

Tatsächlich hat das Buch ein eigenes Genre begründet, da steht es dann recht alleine im Regal: als Überlebenswerk. Das machen wir ja auch alle, jeden Tag, wenn’s auch manchmal nicht mehr ist als das, aber immerhin. Man bekommt da keine Tipps, kein Ich-hab-es-geschafft-und-du-kannst-es auch-Lebenshilfe-Coaching, nicht mal ein solides Wie-man-es-nicht-machen-sollte, es wird in keine Richtung missioniert, und vielleicht ist genau das das Allerschönste an dem Buch.

(Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz, Kiepenheuer & Witsch, 2016.
* Amazon Affiliate Link, aber natürlich auch in der Buchhandlung des Vertrauens erhältlich.)


Die letzten Winterwochen sind am zähesten. Die Tage werden länger, aber das Besinnliche, die Vorfreude und der Glühweinausschank sind schon weg. Wie die letzten hundert Meter vor der Haustür, wenn die Einkäufe viel zu schwer sind und man die Tüten noch dreimal abstellen muss, weil der Riemen so in die Hand schneidet, dass sie abzureißen droht. Völlig unverständlich, weil man ja schon so weit gekommen ist, die paar Meter noch, aber es geht einfach nicht.

Im Supermarkt dann das Übliche; holen, was noch fehlt, was immer das ist. Erstaunlich, dass man immer die gleichen paar Dinge kauft, und wie spannend es ist, am Kassenband zu schauen, was die anderen so drauflegen. Vielleicht total entlarvend, vielleicht auch genau nicht, aber eigentlich sieht man doch für einen kurzen Moment, was der andere da gerade durchmacht, low carb, Bikiniblitzdiät, Trennungsschmerz, gute Vorsätze, schlechte Laune, you name it. Der junge Mann hinter mir hat einen soliden Burgerabend vor sich, die ältere Dame mit dem Rollator vor mir legt ein paar Alibilebensmittel, eine Kreuzworträtselzeitung mit Fernsehprogramm und zwei Flaschen billigen Korn aufs Band. Da sagt auch nie jemand was, was soll man auch sagen, Alkoholismus ist schließlich für Erwachsene nicht verboten, aber, trotzdem.

Manchmal denke ich in diesen Tagen, dass ich gerne früher gewusst hätte, dass man in vielen Bereichen des Lebens mit Disziplin so viel weiter kommt als mit Talent. Glück hat man an den Stellen, an denen sich beides überschneidet; aber wenn nur eins von beiden da ist, ist das eine dem anderen deutlich überlegen. Am Ende zählt nämlich nicht, was man alles kann, sondern nur, was man alles erledigt; am Ende hält genau das den Alltag zusammen.


(Start bei Minute 1:10; Choir Choir Choir – Space Oddity Cover)

Nachts geträumt, dass ich eine neue Band habe und wir auf einem Start Up-Event vorspielen, ich an der Trommel; keine Ahnung, was mir das sagen soll. Das Choir Choir Choir Bowie Cover oben, in dem 500 Leute zusammen singen, trifft mich dann unvorbereitet, volle Breitseite. Musik erreicht ja manchmal Stellen, die für Logik völlig unerreichbar sind. Meistens fühle ich zu viel oder zuwenig, heute eher zu viel, and I’m floating in the most peculiar way.
Es müsste immer Musik da sein, bei allem, was du machst; einer der meist verwendeten Sätze in Onlineprofilen der 00er-Jahre und das Indie-Pendant zum Kleinen Prinzen, immernoch unentschieden, ob manche Momente nicht doch ohne Musik besser sind.
(Trotzdem stark verliebt in diesen Chor – gefühlt haben sie alle guten Lieder schon gesungen.)


Eine Weile hat es mir nicht gefehlt, zu schreiben; im Gegenteil, ich dachte, ich wäre fertig damit. Es wuchsen keine Texte nach, früher wuchsen die einfach in mir drin, ganz normal.
Dazwischen dann zuviel Leben, und die Krux, dass ich noch nie genau über das Leben und die Arbeit schrieb und die Metaebene zu anstrengend war.

Gestern habe ich mich hier festgelesen und es doch vermisst. Die Sachen auf den Punkt bringen, jedenfalls für kurze Momentaufnahmen, das war immer mein Ding, nie die Langstrecke, lieber nur ein paar Absätze, zackbummrausveröffentlichen.
Jetzt fühlt es sich knirschend an, wie nach langer Zeit auf Schlittschuhen stehen, ziemlich spackig, aber blog like nobody’s watching geht ja immernoch und immer wieder.

Dieses Jahr werde ich 30, die Älteren lächeln jetzt milde, whatever, es fühlt sich dennoch wie eine Zäsur an, wobei es eigentlich nur eine Angleichung des Äußeren an die inneren Verhältnisse ist; das Leben fühlt sich schon seit Längerem nach dreißignochwas an, falls man Zahlen denn fühlen kann.
Trotzdem, das hier ist schon das nächste Kapitel im Handbuch des Erwachsenwerdens; und weil ich jetzt schon so gerne in den vielen vergangenen Jahren hier nachlese, schreibe ich weiter, ein paar Momentaufnahmen. Um dann in zehn Jahren wieder dazusitzen und mich zu wundern, was ich in meinen 30ern alles dachte und was mich so beschäftigte. Man lebt das Leben ja vorwärts und versteht es erst rückwärts, es reicht in der Zwischenzeit, das zu wissen.