
An der Haltestelle blendet die Morgensonne und einen Moment lang weiß ich nicht, wo wir uns schon einmal gesehen haben, aber dann erinnere ich mich wieder. Im Winter nahm er den schönsten Weihnachtsbaum aus der Halterung, um ihm danach eine weiße Baumstrumpfhose anzuziehen, die die Äste zusammenhält. Er sieht mich nicht, er schaut sich nicht um, als er in seine Tasche greift und einen langen Schluck aus der Kornflasche trinkt.
Langsam fährt die Bahn an einem Friedhof vorbei, vor dem sich gerade eine Trauergesellschaft in Feiertagsmontur mit Blumen und Kränzen zusammenfindet.
Sie umarmen sich, gefasst; niemand weint, nicht auf der Straße.
Nach einem langen Tag komme ich nach Hause und sehe den Mann ein paar Häuser weiter wie immer aus dem Fenster gelehnt, ein Stützkissen unter seinen Armen, damit wenigstens das Aufstützen selbst nicht so weh tut. In unserer Straße passiert nicht viel, es gibt hier nur wenige Passanten, kaum jemand geht vorbei, er steht da trotzdem immer, eine Statue der Einsamkeit. Er hat kein anderes Fenster zu einer anderen Straße. Als ich eine halbe Stunde später wieder vorbei gehe, steht er nicht mehr am Fenster; die Wohnung flackert jetzt neonhell in Fernsehfarben.
In der Schlange sind die anderen Konzertbesucher auffallend jung oder alt, die meisten haben ihre Eltern dabei, die während des Konzerts natürlich nicht neben ihnen stehen dürfen. Vom ersten bis zum allerletzten Lied ist die Stimmung ausgelassen, als wäre dieser Abend sehr wichtig, eine Ausnahmesituation für alle Beteiligten. An den Sitzgelegenheiten bildet sich eine Einheit aus Abholvätern, die sich zu einer Wartegruppe zusammenschließen und gemeinsam auf ihren Smartphones Fußballergebnisse verfolgen.
Die Nacht dauert an, es wird gefeiert und geredet, über Arbeit, Heimat und Zukunft, aber nicht über die Sehnsucht, die hinter all dem steht. Wir erkennen uns nicht mehr, der Raum ist groß genug für alle und die Musik so laut, dass die Worte nicht so schwer wiegen. Als ich später in der Dunkelheit auf die Straße trete, habe ich keine Ahnung, was mich erwartet; ich kenne diese Stadt und ihre Krawalle in Nächten wie dieser nur aus der Tagesschau, weit entfernt von hier, warm und sicher.






