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ICH KANN ES NICHT GLAUBEN steht auf einem der Schilder vor dem Laden. Die Menschen hinter der Scheibe sehen aus, als könnten sie es auch nicht glauben, sie starren matt und müde. Das Glauben kommt später, das Verstehen auch. Vor einigen Tagen hing an der heruntergelassenen Ladenjalousie ein Zettel mit der Aufschrift “Wegen Krankheit geschlossen”, ein paar Tage später wurde er ersetzt durch den Zettel “Wegen Todesfall geschlossen”. Jetzt gibt es noch mehr Zettel, auf denen vermeldet wird, wann man seine Schuhe noch abholen kann, nur noch abholen, unrepariert. Der Laden wird geschlossen, sie wickeln das jetzt ab, sie geben die letzten Schuhe raus und dann räumen sie alles auf, der alte Mann ist nicht mehr da.

Vor dem Laden stehen Blumen und viele Kerzen; diese Grablichter, die schier endlos brennen, Tag und Nacht. Karten sagen Auf Wiedersehen und ICH KANN ES NICHT GLAUBEN. Jeden Tag gehe ich daran vorbei, manchmal bleiben andere Passanten stehen und lesen sich die Schilder und Karten durch, dann sehen sie sich auf dem Bürgersteig um, um zu erkennen, ob es hier passiert ist, ob es genau hier war? Aber da ist nichts, kein Absperrband, und dann verstehen sie auf einmal: es gibt hier nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter.

Das war kein Unfall, das war das ganz normale Leben, immer weiterarbeiten, keine Rente, plötzlich sterben. Jeden Tag gehe ich vorbei und denke, dass es genau gut ist, dass wir nicht wissen, wie viel Zeit uns hier bleibt; dass wir unsere eigene Haltbarkeit hier nicht kennen, weil es uns so viel Angst machen würde. All die Dinge, die wir noch erledigen wollen. All die Pläne, die wir noch umsetzen wollen, wenn wir doch nur Zeit hätten. All die Leben, die wir noch führen wollen, später. Dann gehe ich weiter, denn es gibt hier nichts zu sehen.