Info

Gestern viel gelesen und viel Rage gefühlt. Und dann auch wieder daran erinnert worden, warum ich mich mit feministischen Diskussionen im Allgemeinen unwohl fühle und mich selten als Feministin bezeichnen wollte: Eine dezidierte Feministin teilte mir gestern mit, dass sie es unmöglich fände, dass “so eine” wie ich sonst feministische Diskurse ignoriere und “jetzt die ganzen Lorbeeren ernten würde”.  (Inwiefern man bei Themen wie diesen überhaupt Lorbeeren ernten kann, sei dahingestellt.)

Das ist tatsächlich das, was mich bisher am Feminismus abschreckte: Feministinnen, die anderen Frauen erklären, dass sie nicht mitdiskutieren dürfen, weil sie zu privilegiert seien, oder weil sie nicht die vorangegangenen hundert Theoriediskurse mitbekommen haben, um diese elitären Diskussionen verstehen zu können.
Mein erster Impuls war: Das Leben ist zu kurz für Diskussionen dieser Art, ich beschäftige mich da lieber mit schönen Dingen! Her mit den Katzenfotos!
Der zweite Impuls war: Niemand hat mir zu sagen, wann ich mich an Diskussionen beteiligen darf und wann nicht.
Und wenn ich mich nicht zu den klassischen Feministinnen zählen kann und will, wird es Zeit für einen Feminismus, mit dem ich mich identifizieren kann; ein Feminismus, der andere Feministinnen nicht ausschließt, weil sie nicht die richtigen Bücher gelesen haben.

Zurück zum Thema Aufschrei:
Gestern habe ich mich in vielen Texten auch in Rage gelesen, aus verschiedenen Gründen. Denn den Frauen, die sich äußern, wird immer wieder eine Opferhaltung zugeschrieben, aus der sie sich ja einfach selbst befreien könnten.
Dazu finde ich wichtig zu erkennen: Es gibt nicht “die Frauen“, genauso wenig, wie es “die Männer” gibt. Und es macht auch einen Unterschied, in welcher Lebensphase Übergriffe passieren: ein junges Mädchen kann sich vielleicht schlechter behaupten als eine erwachsene Frau; oder vielleicht hat sie nicht genügend Selbstbewusstsein, sucht die Schuld bei sich, etc.

Außerdem kamen bei der Aufschrei-Debatte verschiedene Situationen zutage: Einerseits die Übergriffe von Fremden auf der Straße, andererseits die Übergriffe von Chefs/Lehrern/Kollegen, in denen häufig ein strukturelles Machtgefälle steckt. Während viele auf der Straße zu perplex sind, um adäquat zu reagieren, ist es innerhalb dieser Machtstrukturen aus anderen Gründen für viele schwer, sich zu behaupten. Ob das nun an der Erziehung liegt oder an der Angst, den Job zu verlieren oder im Boys-Club keine Karriere machen zu können, wenn man sich auflehnt und nicht mitlacht, ist schwer zu sagen.

Die wichtigste Erkenntnis aus der Aufschrei-Debatte fand ich: Es geht nicht darum, sich selbst als Opfer zu stilisieren, sondern zu zeigen, dass Übergriffe der verschiedensten Art ganz einfach zum Alltag der meisten Frauen gehören. Dass es fast schon so “normal” ist, dass viele Frauen sich daran gewöhnt haben, dass es einigen schon gar nicht mehr auffällt und sie die meisten Vorfälle verdrängt haben.
Wer in dieser Debatte dann die “Befreit euch selbst aus eurer Opferrolle”-Keule rausholt, ist nur noch einen Schritt entfernt vom “Opfer-Abo” von Kachelmann.

In dieser Tradition gehalten:

Sibylle Berg – Wehrt euch!

Frau Meike – Das Schreien der Lämmer (feat. “Ich bin in meinem Leben noch in keine Situation gekommen, die ich selber als sexistisch empfunden habe.” sowie Die Weigerung vieler Frauen, Verantwortung zu übernehmen und Die Opferhaltung der Frauen, die sich in dieser Debatte äußern)

In andere Richtungen:

Kaltmamsell – #Aufschrei: Es geht nicht um mich

Dr. Mutti – Mein später Aufschrei

Natalie Springhart – Aufschrei-Argumente

Hanhaiwen – Aufschrei: Wogegen ich mich wehre? “Wehrt euch”

Und nochmal empfohlen:

Siegstyle – Brüderle im Geiste (Eine kritische Reflektion des eigenen Alltagssexismus)

Fazit: Diese Debatte ist keine, die sich im Konjunktiv führen lässt. Ja, es wäre schön, wenn sich alle Frauen wehren würden. Noch schöner wäre es, wenn sie es nicht müssten.
Und wer sich selbst nicht betroffen sieht und die Debatte mit der Opferrollen-Keule beendet, ist Teil des strukturellen Problems.

Nachtragsnachtrag: Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach erklärt meinen letzten Punkt genauer in seinem Artikel “Derailing und die Lämmerfrage”.