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Nach den Texten über Rainer Brüderles Begegnung an einer Hotelbar und einem Text über Street Harassment von Maike auf  kleinerdrei mit dem Titel “Normal ist das nicht!” beginnt im Internet eine Debatte über Alltagssexismus. Unter dem Hashtag #aufschrei erzählen Menschen von ihren Erlebnissen. (Hier als Tumblr: Sexismus im Alltag)

Erstaunlich sind dann vor allem die Reaktionen, von Frauen, die einerseits das Phänomen leugnen und sagen, dass das alles Komplimente sind oder andere, die der Meinung sind, dass Frauen selbst schuld sind, wenn sie sich in eine Opferrolle drängen lassen. Es ist leicht, zu sagen, dass das Opfer selbst schuld ist, weil es sich doch wehren könnte; dabei wird vergessen, dass viele in einer solchen Situation zu perplex sind für eine angemessene Reaktion. Und es ist einer der Gründe, warum über Sexismus so selten gesprochen wird: Die Schuld wird so oft beim sogenannten “Opfer” gesucht, das sich falsch verhalten hat und/oder nicht ausreichend gewehrt hat.

Als Jugendliche wurde ich zweimal auf dem Nachhauseweg überfallen, beim einen Mal stand der Mann plötzlich mit offener Hose hinter mir, beim zweiten Mal rannte der Angreifer hinter mir her, nachdem ich mich nicht in ein Gespräch verwickeln lassen wollte. Er packte mich von hinten, eine Hand an meiner Brust, die andere hielt mir den Mund zu. Wehren sei zwecklos, hier würde mich niemand schreien hören. Ich riss mich los und rannte so schnell wie noch nie in meinem Leben.
Erzählt habe ich davon nicht, ich hatte zu der Zeit keine Worte dafür und später auch nicht. In den zehn Jahren danach habe ich im öffentlichen Raum eine Schutzhaltung entwickelt – ich trage Kopfhörer, vermeide Augenkontakt mit Männern, denn wenn Frau einen Mann aus Versehen anschaut, wird das oft als Aufforderung missverstanden, und meistens trage ich ein Wutgesicht, ein Gesicht, das sagt: Mein rechter Haken schlägt dich krankenhausreif. Das schränkt tatsächlich die Belästigungen ein, hilft aber trotzdem nicht immer und es ist wahnsinnig anstrengend. Es macht unfrei, im öffentlichen Raum ununterbrochen einen Schutzpanzer aus Unnahbarkeit tragen zu müssen.

Natürlich liegt ein Unterschied zwischen tätlichen Übergriffen und Übergriffen, die “nur” aus einer Bemerkung bestehen, wenn Frau gefragt wird, wo sie denn um die Zeit noch alleine hingeht oder ob sie denn auch rasiert sei. Und trotzdem zeigen genau diese Reaktionen nach dem Motto “Hättest dich ja wehren können, dann wäre es dir nicht passiert” oder “Du hast das doch mit deinem Outfit provoziert” oder “Wenn die ganzen Frauen unter dem Hashtag jetzt erst alle davon erzählen, kann es damals nicht so schlimm gewesen sein”, warum diese Übergriffe selten öffentlich gemacht werden.
All diese Reaktionen sind genau der Grund, warum so selten darüber gesprochen wird: Weil das doppelt verletzend wirkt, und es sich anfühlt, als wäre es sowieso sinnlos, darüber zu sprechen. Die Täter wird man mit dieser Debatte nicht erreichen oder ändern, und es ist mühsam, sich anderweitig in der Debatte kleinreden zu lassen.

Daneben gibt es in dieser aktuellen Debatte auch noch andere Reaktionen von Männern, die zeigen, dass eben genau diese Debatte wichtig ist: Die meisten haben tatsächlich bisher das Ausmaß und die Allgegenwärtigkeit im Alltag nicht so mitbekommen. Wie auch, es gab bisher wenig Gespräche in der Öffentlichkeit darüber – und diejenigen, die so etwas selbst nie tun würden, können kaum glauben, dass es da eine Parallelwelt gibt, in der es zum Alltag von Frauen gehört, auf der Straße oder in anderen Umgebungen belästigt zu werden. Da kommt direkt eine Stellvertreterscham zutage, danach die Angst vor einem Generalverdacht gegenüber dem männlichen Geschlecht – und im nächsten Schritt die Angst um die eigene Tochter/Schwester/Freundin/Mutter/Ehefrau, die auf der Straße nicht sicher sind.

Dann gibt es noch die Stimmen von Männern und Frauen, die dafür plädieren, nicht jede Anmache gleich als Sexismus zu deklarieren,  man muss doch auch noch flirten dürfen! Tatsächlich verläuft da eine hauchdünne Linie zwischen manchen Äußerungen – aber sobald sich die Frau davon belästigt fühlt, ist es eine Belästigung. Punkt.

Natürlich ist Alltagssexismus kein Problem, das sich nur auf Frauen bezieht – auch Männer erleben das immer wieder und berichten auch unter dem #aufschrei von Übergriffen; trotzdem ist das Phänomen einfach in dem Maße nicht so allgegenwärtig. Für Männer, die mal erleben wollen, was gemeint ist: Ein Bekannter ging mal abends über die Reeperbahn, um nach Hause zu kommen und wurde von den dort stehenden Damen mehrfach gegen seinen Willen unangenehm angesprochen und auch festgehalten, so dass er Schwierigkeiten hatte, sich loszumachen. Er wusste nicht genau, wie er sich in dieser Situation abgrenzen sollte und wie er am besten Nein sagt, ohne die Dame zu beleidigen. Trotzdem ist das vielleicht eine gute Übung, um sich danach besser reinversetzen zu können “wie sich das anfühlt”; ein realer Vergleich ist es natürlich trotzdem nicht.

Diese Debatte ist wichtig, sie kann auch nur ein Anfang sein. Und ein Denkanstoß, für die nächste Situation, in der man/frau danebensteht, wenn ein Übergriff geschieht, wann oder gegen wen auch immer. Auch wenn viele unsicher sind, ob sie dazwischen gehen sollten, weil es ja doch auch ein Flirt sein könnte: Lieber einmal zu oft intervenieren als einmal zu wenig. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass sich jede/r dagegen wehren kann, nur weil man selbst von sich denkt, dass man/frau sich das selbst nicht bieten lassen würde.

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