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Das sei ihm jetzt schon mehrfach aufgefallen, dass die anderen Touristen außer ihm alle Chinesen seien. Die kommen in riesigen Reisegruppen, wie die Heuschrecken, und dann laufen sie einem Schirm hinterher und besichtigen in zwei Tagen ganz Europa. Dafür fahren doch viele Deutsche nach Thailand, um dort in weißen Socken und Sandalen am Strand zu sitzen, sage ich. Das würde er aber nie machen, sagt er, es sei ihm halt nur aufgefallen, dass die ganzen Chinesen jetzt kommen. Drei Milliarden Chinesen, die müssten ja irgendwo in den Urlaub fahren, und jetzt kämen die eben alle hier herüber. Ich glaube ja, dass es insgesamt weniger sind, aber ich weiß die genaue Einwohnerzahl nicht auswendig und habe keine Meinung zu den Chinesen parat. Auf einmal kommt mir dieser latente Alltagsrassismus viel gefährlicher vor als der offensichtliche Hakenkreuzrassismus, weil er sich leise heranschleicht und man nicht so leicht den Finger drauflegen kann.

So eine Hochzeit sei auch gar nicht so einfach zu planen, man müsse da schließlich viel bedenken. Warm sollte es sein, und weil es vor Oktober bei ihr nicht mehr ausginge, sollte es schon im Ausland sein. Bei hundert Gästen koste so eine ordentliche Hochzeit im Ausland dann aber schon auch mal bis zu 40.000 Euro, und da sie eben erst die Wohnung im Prenzlauer Berg gekauft hätten, müsse man da halt schauen. Viele Leute würden ja auch Kredite aufnehmen, um angemessen zu heiraten. Irgendwann habe ich meine Gesichtszüge wieder einigermaßen im Griff, immerhin. Von einer Traumhochzeit hätte sie aber schon als Kind geträumt, ganz in weiß, mit fliegenden Tauben und dem ganzen Brimborium. Ich versuche mich zu erinnern, ob ich je von so etwas geträumt habe, aber da ist nichts. Neulich sei sie auf einer Low Budget Hochzeit gewesen, da hätten die Gäste ihre Getränke sogar selbst bezahlen müssen. Da bräuchte man halt Freunde, die so etwas mitmachen, und in diesem Satz liegt so eine gewisse Aug-um-Aug, Zahn-um-Zahn, Hochzeitseinladung-um-Hochzeitseinladungsmentalität. Andere Prominente würden in so einer Situation ihre Hochzeit einfach an die Medien verkaufen, aber das wolle ihr Freund wirklich nicht. Nebenbei google ich unauffällig, was sie eigentlich macht, auf einigen Fotos bläst eine Windmaschine ihr Haar in die Luft und die meisten ihrer Autogrammkarten sind mit kleinen Herzen unterschrieben.

Wahrscheinlich wirken die meisten Leute ganz normal, bis man durch Zufall diesen einen Punkt tangiert, an dem der Verstand total aussetzt und eine diffuse Angst das Steuer übernimmt; die Angst vor den Chinesen, die Europa überfluten oder die Angst davor, dass die eigene Hochzeit nicht die schönste und teuerste im Freundeskreis ist und alle anderen merken könnten, was hinter der glänzenden Fassade wirklich noch übrig bleibt.
Drei Milliarden Chinesen und eine Hochzeit: eine moderne Inszenierung von Sehnsüchten und Ängsten; zusammengehalten von dem Glauben an eine Art von Sicherheit, die nur durch Einreiseverbote oder Preisschilder vermittelt werden kann.