Info


Den ersten freien Nachmittag seit langem beginne ich in der Trambahn, draußen gleitet die Welt vorbei. Niemand sitzt neben mir und alles ist genau richtig, ich liebe das Weltvorbeigleiten vor dem Fenster, genau so könnte ich alles anschauen. Weltreisen mit einer Trambahn, das wäre revolutionär, ich würde das sofort buchen.

Nebenan erzählt ein kleiner Junge einer Frau, was er an diesem Tag in der Schule gelernt hat, sie gehen verschiedene Zeiten durch, Futur und Futur II, die Frau erklärt das mit der abgeschlossenen Zukunft, wir werden gelesen haben. Man verwendet das im Alltag viel zu selten. Er ist vielleicht neun Jahre alt, oder zwölf, ich kann es schwer schätzen, und ich kann es anhand des Lernstoffs nicht einordnen. In Deutsch kannst du mich immer fragen, sagt sie. In Mathe nicht, da kannst du jetzt schon mehr als ich, da kannst du mir sicher noch was erklären. Da habe ich ja nie was verstanden. Sie lacht und hilft ihm, den schweren Ranzen aufzuladen.

Was es mit der Mathematik auf sich hat, dass es fast schon zum guten Ton gehört, nicht rechnen zu können – ich weiß es nicht. Eine der wenigen Unzulänglichkeiten, mit denen man gerne kokettiert, gerade als Erwachsener, gerade auch als Frau. Mit diesem Brustton der Überzeugung würde niemand zugeben, dass er nicht lesen oder schreiben kann, aber rechnen, haha, das können wir ja alle nicht, wir sitzen da alle im selben Boot.

Plötzlich ist es mir unangenehm, weil ich so einen Satz vielleicht auch sagen könnte. Irgendwann auf dem Schulweg haben Mathe und ich uns aus den Augen verloren. In der Grundschule gewann ich einen Preis im Kopfrechnen, danach war ich auf drei mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasien und weigerte mich standhaft, zu rechnen.

Was genau passiert ist, kann ich bis heute nicht sagen. Die Mathelehrer meines Lebens waren alle besonders tragische Figuren, mit denen ich die härtesten Kämpfe austrug. An die Namen erinnere ich mich nicht, nur noch an Umrisse: Die Frau mit dem schlecht gefärbten roten Haaren, bei der ich den Großteil des Unterrichts vor der Tür verbrachte. Der Alkoholiker, der im Schullandheim betrunken auf unpassende Weise einigen Mädchen zu nahe trat, so dass die Klasse geschlossen dagegen protestierte, ihn im nächsten Jahr noch einmal als Lehrer zu haben. Abgesehen davon könne man nichts machen, sagte die Schulleitung, so lange er selbst sein Alkoholproblem nicht anspreche, könne man da wirklich nichts machen. So sei das nun mal bei Beamten. Und dann waren da noch der Mann, der sich die Haare über die Glatze kämmte und jede Stunde einen anderen an der Tafel gezielt demütigte, und die Frau mit dem Bürstenschnitt, die mir gerne die eine oder andere Lektion erteilen wollte.

Resignierte Kinderhasser und Pultsadisten aus Leidenschaft, wahrscheinlich nicht mal das, nur erkrankt am System, aber in keinem anderen Fach schien das so durch wie in der Mathematik.Trotzdem wäre es zu einfach, den Lehrern alleine die Schuld zu geben. Ich wollte einfach nicht, und wenn ich etwas nicht wollte, dann war da nichts zu machen. In all den Jahren saß ich also mit etlichen Nachhilfelehrern und in einer Ferienschule da und rechnete dann in der nächsten Prüfung genau so viel, wie eben nötig war, um versetzt zu werden. Aber kein bißchen mehr.

In Mathe, da kannst du keinen fragen. Keine Ahnung, ob man das den eigenen Kindern genau so verraten darf, ob man wirklich zugeben sollte, dass man nicht richtig rechnen kann und das selbst immer blöd fand. Dass die Lehrer alle doof und frustriert sind und man das meiste aus den Schulbüchern später wirklich nicht braucht. Oder ob es besser wäre, heimlich ihren Stoff zwei Wochen im Voraus zu lernen, wenn sie schon im Bett sind, um dann zu sagen: Ich liebe Infinitesimalrechnung! Klar kann ich dir das erklären, in Mathe, da kannst du mich auch immer fragen. Das ist eine Grundsatzentscheidung, ob man auch die unangenehmen Dinge erklären will, die einem selbst viel abverlangen. Oder eben nicht.
Die beiden steigen aus, sie zurrt an seinem Ranzenträger; die Bahn fährt weiter und die Stadt gleitet vorbei.