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Ungefähr zu dieser Zeit würde ich in einem Paralleluniversum meinen Winterschlaf anfangen. In den letzten Wochen hätte ich die Höhle schön hergerichtet und alles Nötige hinein getragen, genau so, wie man eben nötige Dinge für einen monatelangen Schlaf mit Bärentatzen irgendwo reinträgt. Wie man sich halt auch so eine Bärenhöhle schön herrichten kann, mit weichen Decken und vielen Kissen und genug Nahrung, falls man zwischendurch doch mal aufwachen sollte, so dass man nur mit einer Riesenpranke neben das Bett langen muss und dann sofort wieder die Augen zu machen kann.

Die meiste Disziplin verwende ich in diesen Tagen darauf, gestriegelt und angezogen am Schreibtisch zu sitzen und dann loszuschreiben und nichts anderes zu machen, denn die Ablenkung steht schon an jeder Ecke bereit und will mehr und mehr Beachtung. An manchen Tagen gelingt es mir, an anderen Tagen beobachte ich mich beim munteren Scheitern. Zwischendurch würde ich meine Seele verkaufen für ein einziges kleines Schläfchen, ein kurzes Mittagsschläfchen, nur ein klitzekleines Bärennickerchen, doch sobald mein Kopf das Kissen tagsüber berühren würde, wäre der Tag vorbei, der Höhlenmodus hielte mich gefangen und ich würde mich nicht dagegen wehren, ich will es ja auch.

Emotional kurz vor dem Winterschlaf werden alle meine Bewegungen zeitlupenlangsam und gemütlich, meistens kann ich nicht mal sagen, was für ein Tag gerade ist oder wozu diese Information gut sein sollte und dann ist es plötzlich schon Mittag und es gibt Nudeln mit Ketchup, nicht weil es sein muss, sondern weil ich das Einkaufen vergessen habe. Denn das ist keine Höhle, die Vorräte reichen nicht für den ganzen Winter; nur ich, ich wäre jetzt soweit, ich könnte sofort anfangen und den ganzen Winter durchschlafen, ein Traum aus Zimt, Nelken und Mandarinen und wohligwarmem Seufzen unter der doppelten Daunendecke. Im März wäre ich wieder da und die ersten Krokusse auch.

Keinen einzigen Ton treffe ich auf Anhieb, wir gehen das Lied immer wieder durch, Weihnachtszeit, also ja, bitte, Silent Night. Ich kann an diesem Tag nicht, ich stehe mir selbst im Weg wie ein riesiger Betonpoller, wütend auf mich selbst, weil es nicht besser geht; und dann wütend, weil ich wütend auf mich bin und es nicht lassen kann. Und wütend, weil ich zwar lerne, Nein zu sagen, aber noch nicht, mich dabei nicht schlecht zu fühlen; obwohl ich weiß, dass ich es nicht müsste, aber das ist ein Konjunktiv zu viel. Sie ist geduldiger als ich, also gehen wir das Lied immer wieder durch, und irgendwann treffe ich ein paar Töne, nur den Schluss nicht richtig. Sleep in heavenly peace; genau das geht nicht. Oh, the sweet irony. An unangenehmen Tagen wie diesen lerne ich mehr als an den leichten Tagen, auch wenn die Lektionen ganz andere sind.

Am Bahnsteig dann wieder ein Zeitungsverkäufer, ich hab schon, nein danke. Dann hält er ein kleines Referat über die verschiedenen Obdachlosenzeitungen und warum seine Zeitung jetzt die beste ist, aha, ich will nur weg, ja, schönen Tag noch. In der Bahn sehe ich plötzlich wieder den anderen Zeitungsverkäufer, den mit dem pummeligen alten Hund. In dieser Stadt treffe ich nie jemanden zufällig auf der Straße, den ich kenne, aber wir kennen uns ja auch nicht richtig. Ich liebe heimlich Ihren Hund, möchte ich sagen, aber die Impulskontrolle ist stärker. Draußen riecht es nach Bratwurst und ich sehne mich plötzlich nach dem ersten Schnee, der alles zudeckt.