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Dass es anderswo ja anders wäre, heißt es, aber das stimmt nicht; sobald man neu ist, führt man diese oder ähnliche Generationsgespräche unweigerlich. So ist der Mensch eben, denn wären wir Hunde, schnüffelten wir uns zur Begrüßung am Hinterteil, wären wir Affen, könnten wir uns lausen oder direkt paaren, so aber bleibt uns nur das Reden. Reden als sozialer Kitt, die Einordnung in die Gruppe ist wichtig, auch heute noch; am Ende bleibt uns immernoch die Rangordnung, auch wenn wir sonst keine Orientierung finden.

Arbeit ist dabei ein dankbares Thema, es füllt unsere Leben aus, den ganzen Tag und dann noch einen und wieder und wieder einen, bis endlich wieder Wochenende ist. Sobald wir darüber gesprochen haben, suchen wir nach anderen Gemeinsamkeiten und finden uns meist in der Abgrenzung zu den anderen. Wie die schon wieder aussehen und was die alles machen, man kann es kaum fassen. Jeder empört sich dann, so gut es eben geht, über das, was ihm gerade am nächsten ist; die Vegetarier über die armen Tiere und die Feministinnen über die armen Frauen, die Netzpolitischen über das böse Leistungsschutzrecht und die ganz Korrekten über die Verwendung des Genitivs oder Falschparker in der Nachbarschaft.

Irgendwas findet sich dann immer und wir finden uns in der Empörung zusammen, hier sind wir vereint, für irgendetwas und gegen etwas anderes. Meistens empören wir uns auch noch für die, die es nicht können, oder die, die es nicht verstehen, quasi eine Art Stellvertreterempörung, schließlich haben wir das alles durchschaut. Die, die die meisten Gründe zur Empörung hätten, empören sich ja meist nicht mal mehr selbst, denn dazu braucht es Zeit und Kraft, und das Grundverständnis, zu denen zu gehören, die etwas ändern können.

Auch wir können uns dann gar nicht über alles empören, jedenfalls nicht so richtig, obwohl uns das schon alles aufregt, wirklich, aber man braucht ein inneres Empörungsranking, man kann sich nicht um alles gleichermaßen kümmern, entweder um die Tiere oder den Genitiv, beides geht nicht, schließlich bleibt neben der Arbeit nicht viel Raum, es ist höchstens eine Teilzeitempörung, eine kleine Hobbywut, die wir uns leisten können.

Dann stehen wir an der Kasse des Biosupermarkts und legen die moralisch einwandfrei produzierten Eier aufs Band, wie kann denn jemand noch Käfigeier kaufen, dann sollen sie halt keine Eier essen, wenn sie sich die Bio-Eier nicht leisten können, das kann nicht so schwer sein mit dem Verzicht, wir schaffen das ja schließlich auch. Am Ende sind gar nicht diejenigen, die Käfigeier kaufen, das Problem, sondern diejenigen, die die Tiere so halten und daraus ein Geschäftsmodell entwickelt haben, aber die machen das ja schon lange, und dagegen kommen wir nicht an. Aber den Mist wenigstens nicht mehr kaufen, das könnten die anderen, dann werden die da oben schon sehen, was sie davon haben.

Da wir uns als politisch Korrekte nicht mehr durch unsere Herkunft oder unseren Status überlegen fühlen, bleibt uns noch unsere Moral, die größer ist als die der anderen. Weil wir das alles eben nicht mitmachen, wir trennen den Müll und kaufen die richtigen Eier, oder lieber gar keine, das ist das allerbeste, wir nutzen das Binnen-I und ab und zu demonstrieren wir auch für irgendwas. Wir haben etwas verstanden, das die anderen einfach nicht sehen können, dabei müsste es ihnen doch total klar werden, wenn sie nur einmal darüber nachdenken würden. Wir sind die Guten, da sind wir uns ziemlich sicher, und darauf erheben wir nun die Gläser, Prost!