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Dann stehe ich abends mit einem Glas in der Hand, hier Hallo und dort, ich gehöre nicht hier hin; aber ich gehöre nirgends richtig hin, deswegen kann ich überall sein und es macht nichts. Die Gespräche auf Partys haben sich in den letzten Jahren verändert, jede Generation hat ihr eigenes Skript, das jeder gelesen hat und an das sich alle halten. Früher ging es darum, was wir studierten, aha, das klingt ja interessant, ach was, so siehst du gar nicht aus, und weißt du schon, was du danach machen wirst?

Irgendwann hat dann ganz plötzlich das Danach angefangen, wir sind mittendrin, jeder ist irgendwas geworden, jetzt sprechen wir immer zuerst darüber, womit wir unser Geld verdienen, wir nennen es Arbeit, manchmal aber auch anders, ist nur eine Phase, ich bin eigentlich Künstler. Dabei bleiben wir unter uns, jeder macht hier irgendwas mit Medien, manche orientieren sich gerade neu, manche gründen gerade was, ist noch topgeheim, aber ich kann dir sagen, das wird diesen Markt wirklich total neu aufrollen, das wirst du schon sehen dann.

Wir stehen da so zusammen und sprechen nie über das, was uns bewegt, was wir gerne machen, was wir fühlen: wir fragen immer nach der Arbeit und schieben uns dann in die richtige Schublade. In dieser Stadt fragen wir uns auch immer gegenseitig, woher  wir kommen und wie lange wir schon in Berlin sind, hier geboren ist fast niemand, obwohl fast jeder jemanden kennt, der hier geboren ist. Die Anzahl der Wochen, Monate und Jahre sind wie ein geheimer Code, so lange haben wir es schon geschafft, und das, wo doch der Winter so hart ist, wir zählen unsere Hiersein wie die Jahresringe eines Baums oder die Durchhaltechips der anonymen Alkoholiker, anerkennendes Nicken.

Dass die Münchner jetzt schon hier her ziehen, passt nicht ins Weltbild, die Münchner, die hassen Berlin doch alle und finden es so dreckig. Der eine Zugereiste erzählt also dem anderen Zugereisten, dass er eigentlich viel mehr Recht zum Zureisen hatte als ich; ich sage nichts und lächle es weg, niemals rechtfertigen, lieber noch ein Schluck aus dem Glas, lächeln lächeln lächeln bis das Thema gewechselt wird. Bei den meisten anderen Herkunftsorten könnte ich nicht mal sicher sagen, in welchem Bundesland das liegt; im Zweifel immer Nordrhein-Westfalen, aber manchmal auch irgendwo in Hessen oder Niedersachsen, was macht das schon für einen Unterschied.

In zehn Jahren werden wir ähnlich zusammen stehen, den Wein haben wir dann aber vorher dekantiert, der muss doch noch atmen. Dann sprechen wir über Kindergärten und die richtige Schule, über die Entwicklung unserer Antons und Maries, über Unterhaltszahlungen und wie schön es doch ist, endlich mal wieder eine Nacht durchzuschlafen, in der Eigentumswohnung. Die einen werden früher gehen, weil der Babysitter nicht so lange bleiben kann, die anderen länger bleiben, weil die Kinder dieses Wochenende beim Vater sind und endlich mal wieder eine Gelegenheit, einen schönen Wein über den Durst zu trinken, wir vertragen ja fast nichts mehr.

Jedes Kapitel im Handbuch des Erwachsenwerdens genau so, wie man sich das eben vorstellt; vielleicht spielen wir nur Erwachsene, und da wir alle keine Ahnung haben, wie man das macht, folgen wir doch irgendwie den Klischees, ab und zu mit einem ironischen Augenzwinkern, haha, nee, war eigentlich nur Spaß; aber sag doch nochmal, was du eigentlich machst. Ich bin so müde, jetzt könnte mich jemand abholen, und sagen, dass wir noch weiter müssen, ist ja morgen noch ein Tag, also nehme ich meinen Mantel und gehe. Es ist noch erstaunlich warm, als ich auf die Straße trete, ich finde den Weg, ohne nachzuschauen. In der Dönerbude brennt noch Licht und das OPEN-Schild im Fenster des Wohnungsbordells in der Seitenstraße blinkt, es ist geöffnet geöffnet geöffnet.