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“Haste den neuen Stuckrad-Barre schon gelesen? Ist echt gut, schonungslos, hart natürlich auch, aber muss man echt lesen.” So, oder so ähnlich, das sagen grade alle, und während es natürlich herzlich egal ist, was alle sagen, jetzt also doch mal wieder Stuckrad-Barre gelesen. Panikherz*, guter Titel, eh klar, der Titel ist die halbe Miete. Keine Rezensionen vorher gelesen, erst nachher, und dann natürlich die Frage aller Fragen: was soll man über so ein Buch schreiben?

Was ist das überhaupt für ein Genre, eine Mischung aus Lebensbeichte, öffentlichem Tagebuch und einer Art Doktorarbeit über Begegnungen mit einzelnen Figuren des Pop- und Literaturbetriebs? Viel zu privat alles beim Blick hinter die Kulissen, Blut, Schweiß, Absturz und Tränen überall, alles selbst erlebt irgendwie, dadurch natürlich eh schon unangreifbar, also kann man alles und nichts drüber sagen; alles natürlich mit HERVORHEBUNGEN, so dass man jederzeit die richtige Betonung kennt und es beim Lesen so ist, als würde er im eigenen Hirn sitzen und vorlesen. Dazu noch ungefähr vier Meta-Ebenen, die wahrscheinlich die Hälfte eh nicht versteht und so viele Popreferenzen, also, da muss man schon viel Musik gehört und die richtigen Bücher gelesen haben; dieses Buch ist wirklich nicht für jeden etwas.

Ein richtiges Brett, 564 Seiten, man muss das schon auch bis zum Ende durchhalten können und wollen, in der Mitte dann irgendwann der große Wunsch, dass es ihm doch bald besser gehen möge, dauert natürlich noch eine ganze, lange Weile; zwischendurch googlen, wie es ihm denn jetzt geht, und falls man eine völlig vermessene Ferndiagnose per Bildersuche ausstellen kann, obwohl man natürlich weiß, dass man nichts weiß, dann wäre es am ehesten “den Umständen entsprechend”.

Es ist ein Männerbuch, von einem Mann über die wichtigen Männer seines Lebens, Frauen eher nur Randfiguren; das alles auszuerzählen wäre ein anderes Buch geworden. Alles eine einzige sausage party, ehemalige Indiejünger bekommen da sicher feuchtschwitzige Hände, man, wen der alles getroffen hat im Laufe seines bunten Treibens! In den wilden Jahren allen ans Bein gepinkelt, später sinkt der Ironiepegel und dann ist da manchmal einfach nur ein Fanboy mit dem großen Glück, im richtigen Moment doch mal am richtigen Ort zu sein, Access All Areas, tiefgründige und weniger tiefgründige Momente mit denen da oben, natürlich wird auch immer klar, wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, gerade und vor allem auch bei denen; er selbst zwar zwischenzeitlich high, aber nicht so richtig oben dabei, eher immer ein Stück daneben, das löst sich nicht auf, nichtmal halbironisch.

So eine einzelne Sucht wäre ja schon hart und anstrengend, aber Drogen, Alkohol und Essstörung? Nur kurz am Anfang wird der eine oder andere Rausch noch glorifiziert, später alles nur noch hässliche Fratze, Christiane F. lässt grüßen. Der Rezensentenfreund, der auf der Rückseite des Buches mit dem Satz “Ich bin ja eher ein bürgerlicher Mensch, aber eines weiß ich nach diesem grandiosen Buch gewiss: Ich hab ‘ne Menge verpasst!” zitiert wird, hatte das Buch zum Zeitpunkt des Zitats entweder noch nicht gelesen oder nix verstanden, ansonsten ist das Gegenteil von gut natürlich gut gemeint und hätte eher eine Backpfeife verdient.

Es ist schade, wenn man mit Udo nichts am Hut hat; weil das der rote Faden des Buchs ist und alles zusammenhält. Leider kein Künstler, über den man zufällig stolpert, die Lieder muss einem schon jemand zur richtigen Zeit vorspielen und einen mit der Udoliebe anstecken; und wenn man richtig drüber nachdenkt, ist es genau der Weg, auf dem die beste Musik ins eigene Leben findet: jemand spielt sie einem genau dann vor, wenn man sie braucht. Dazu also leichte Verwunderung bei Stuckrad-Barre, dass es Leute gibt, die mit Udos Musik nichts anfangen können, aber soll es wirklich geben; dann auch einer der schönsten Sätze des Buchs: Man kann nur jedem wünschen, dass er eine solche Musik hat, die ihm ein Zuhause ist.

Dem Buch fehlen Widmung und Dank, gleich am Anfang gemerkt, immer schade, meine Lieblingsstellen in Büchern, aber am Ende dann auch klar, dass sich Dank und Widmung auf den 564 Seiten verstecken, immer wieder viel Liebe für Udo und die Panikfamilie, und die echte, die ihn immer wieder rausholt, nicht nachlässt, niemals, nicht nach allem, was da gewesen ist.
Das kleingedruckt auszuformulieren wäre vermutlich zu offensichtlich, dann lieber episch zwischendrin.

Tatsächlich hat das Buch ein eigenes Genre begründet, da steht es dann recht alleine im Regal: als Überlebenswerk. Das machen wir ja auch alle, jeden Tag, wenn’s auch manchmal nicht mehr ist als das, aber immerhin. Man bekommt da keine Tipps, kein Ich-hab-es-geschafft-und-du-kannst-es auch-Lebenshilfe-Coaching, nicht mal ein solides Wie-man-es-nicht-machen-sollte, es wird in keine Richtung missioniert, und vielleicht ist genau das das Allerschönste an dem Buch.

(Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz, Kiepenheuer & Witsch, 2016.
* Amazon Affiliate Link, aber natürlich auch in der Buchhandlung des Vertrauens erhältlich.)

Du solltest Wurzeln schlagen können, kizim, und wenn es für mich bedeutete, noch einmal durch schmerzhafte alte Geschichten zu gehen und mich an nie gefragte neue zu wagen. Und weißt du was? Genau darum kann ich dir jetzt, über ein Jahr später, erzählen, was ein glückloser anatolischer Eselhändler, ein Unwetter in Serbien, ein Weltkrieg, ein Goldhamsterschaufenster der Islam und eine deutsche politische Entscheidung miteinander und mit deinem Leben zu tun haben. Damit du verstehst, wie das alles zusammenhängt, muss ich bei zwei Brüdern beginnen, einem Ziegenhirten und einem Dichter. Einem, der voller Sehnsucht gewesen ist nach einem besseren Leben, und einem, der seinem Bruder überall hingefolgt wäre. Einem, der sein Glück in der Fremde nicht behalten konnte, und einem, der inzwischen schon nicht mehr lebt.

An einem Tag und in einer schlaflosen Nacht Suna von Pia Ziefle komplett gelesen. Die neugeborene Tochter schläft nicht, weil sie keine Wurzeln schlagen kann, deswegen erzählt die junge Mutter ihr in mehreren Nächten die Lebensgeschichten ihrer deutschen, türkischen und serbischen Eltern und Großeltern. Das Leitmotiv der Geschichte ist Liebe, und die Sehnsucht danach, endlich anzukommen. Lange habe ich keinen so starken, schönen Roman gelesen, in dem alle einzelnen Figuren so liebevoll dargestellt werden. Man muss das Buch angeblich gar nicht spätnachts lesen, aber es passt so gut, und ich konnte Suna nicht weglegen, bevor die Geschichte zuende war. Wenn man sich vornehmen kann, eine Nacht durchzutanzen, kann man noch viel schöner eine Nacht durchlesen.

Ich hebe das Teeglas hoch, und dabei sehe ich die Narbe auf meinem kleinen Finger, die ich mir in der Grundschule geholt habe, als wir eine Schale aus einem Stück Teakholz schnitzen mussten. Mit einem Stechbeitel. Stechbeitel. Was für ein Wort.

Ich habe mal gehört, dass die Haut sich mindestens alle achtundvierzig Stunden erneuert. Also, wenn man jemandem nach ein paar Tagen die Hand schüttelt, hat man schon nicht mehr dieselbe Person zu fassen und man selbst ist auch nicht mehr dieselbe Person. Nur die Narben bleiben. Kein Charakterzug, keine Erinnerung ist so stabil.

[...]

Ich wäre jetzt gern ein bisschen sentimental, aber ich bin es nicht. Ich bin vollkommen ruhig. Ich bin vollkommen leer, und dann fange ich auf einmal an zu weinen.

Dabei weine ich sonst nur vor dem Fernseher. Das letzte Mal wegen irgend so einer Tiersendung.

Wolfgang Herrndorf – In Plüschgewittern, S. 126.

Ich mag Protagonisten, die nicht so recht wissen, wohin mit sich und dem Leben, und sich beim Herumstolpern zu viele Gedanken machen. Die sich kaputt denken, an dieser Welt und ihren seltsamen Begebenheiten. Man könnte es Popliteratur nennen, man muss aber nicht. Eine wahnsinnig schöne Vorstellung, dass man alle 48 Stunden in einer neuen Haut steckt; und auch, dass Narben die Fixpunkte auf dieser neuen Hülle sind. Das, was bleibt. Stabil.

Man kann viel schreiben, über Max Goldt, ich habe es versucht und bin dann vom Hundertsten ins Tausendste gekommen und nie wieder zurück. Das ist die eigentliche Tragodie; dass man sich in manchen Gedankengängen verliert wie in einem Labyrinth, aus dem man nicht mehr so leicht rausfindet. Wobei es da meist auch ziemlich gut ist, im Tausendsten. (Das wäre auch eine enorm gute Benennung für zwei Nacht-Etablissements, die zusammengehören. Eine Bar namens 100. und ein Club namens 1000. für Leute, die eigentlich gar nicht ausgehen wollten, dann aber doch losgezogen sind. “Eigentlich wollten wir daheim fernsehen, sind dann aber vom Hundertsten ins Tausendste, danach erst um sieben Uhr daheim gewesen, Wahnsinnsabend.”) Was ich eigentlich sagen wollte: dass Max Goldt enorm großartig ist, immer wieder. Unter anderem deshalb:

“Weil ich gerade meine Persönlichkeit renoviere, habe ich viele neue Hobbys. Neben dem Übersetzen ausländischer Zungenbrecher zählt dazu das Sammeln von Fotos, auf denen überbelegte Mehrfachsteckdosen zu sehen sind. Also z.B. Sechsersteckdosen, wo in den Sechsersteckdosensechsteln wieder Ver- teilerstecker stecken. In stark elektrifizierten Haushalten neigen Steckdosen zu einer sehr bildwirksamen Geschwürbildung, auf welche Maler und Fotografen bisher zu wenig ihres Augenmerkes gerichtet haben. Künstler, ran an die Wucherungen! Stellt dar, wie die Kabel sich winden und kreuzen! Dies ist unsere Zeit.
Ein drittes neues Steckenpferd von mir ist das Sichten von Frauensorgen guter Qualität. Eine überdurchschnittlich hübsche Sorge entnahm ich einer Frauenzeitschrift: «Mein Kleiderschrank quillt über, aber ich ziehe immer das gleiche an.» Meine Lieblingssorge stammt von einer Dame, die eine 22stündige Busreise nach Spanien vor sich hat, während der Fahrt aber keinen Trainingsanzug anziehen möchte, weil sie darin nicht hübsch aussehe. Andererseits sei ein Trainingsanzug sehr bequem. Die Sorgenbeantworterin riet ihr, keine engen Jeans zu tragen. Sonst könne sie eigentlich alles anziehen. Supersorge, Superratschlag.”*

*Sechsersteckdosensechstel! Groß, immer wieder: Max Goldt: Ä, Rowohlt, 8. Aufl. 2008, S. 62/63. (Die zitierte Kolumne heißt Lockende Wucherungen, schäbige Irrtümer und ist von Juli 1995. Zeitloser Klassiker, das.)

Christoph Koch hat ein Buch geschrieben, das vor ein paar Wochen in meinem Briefkasten steckte und geduldig auf genügend Zeit wartete, um gelesen zu werden. (Irgendwie rührend: das letzte Mal, dass mir ein Mann einen Brief auf echtem Papier mit einem Füller geschrieben hat, war zu Schulzeiten, und die Sätze reimten sich.) Die Geschichte hinter dem Buch ist recht schnell erzählt: Christoph Koch testete sechs Wochen lang, wie das so ist, ohne Handy und ohne Internet. Das ging erstaunlich gut, und was er durchmacht, liest sich genau so, wie man das erwarten würde. Höhen und Tiefen, ein paar gute Interviews und die Entspannung, die sich langsam ausbreitet. (Vielleicht sind solche Selbstversuche auch was für Weicheier, wie Harald Martenstein behauptet.)

Worum es aber eigentlich geht: Wie wir digital miteinander kommunizieren und wie wunderlich das manchmal ist. Wir fühlen uns bedrängt von geschäftlichen Emails, in denen Menschen von uns “asap” eine Reaktion fordern, und unterstützen dieses Verhalten meist trotzdem, indem wir sofort antworten. Selbst wenn die Mail nicht so wichtig ist. Privat finden wir es seltsam, auf die Antwort auf eine Mail zu warten, wenn wir sehen, dass jemand online ist und vielleicht twittert, aber einfach nicht antwortet. Und überhaupt: Wie schnell muss man eine Email beantworten? Und wer sagt das überhaupt? Gefühlsmäßig gibt es da Unterschiede für die “Onliner” und die “Offliner”, von Menschen, die zweimal die Woche in ihr Postfach schauen, kann man einfach keine schnelle Antwort erwarten.

Trotzdem hinterfragen wir in den seltensten Fällen unseren Umgang mit dem Internet, selbst wenn es uns nervt. Im Zweifelsfall kann man den Rechner ja auch einfach mal ausmachen (privat zumindest – im Job kommt das meist eher nicht so gut an). Das ist in den meisten Fällen aber gar nicht so einfach. Und dann gibt es immer wieder diese Menschen, die einen radikalen Schnitt brauchen, all ihre Accounts löschen und erstmal weg sind. Die meisten sind nach einer recht kurzen Zeit wieder da, manchmal unter neuem Namen und mit neuer Attitüde, weil es ganz ohne auch nicht geht. Vielleicht ist das auch eine Frage des persönlichen Bauchgefühls, aber ich glaube: Dieses Offline, wir müssen es uns langsam ein Stück weit zurückerobern.

Das kann man dann übrigens am Donnerstagabend in der Zitty Leselounge hier in Berlin machen: Christoph liest da aus seinem Buch vor, und bestimmt wird dann da noch total angeregt darüber gesprochen und so. Man kennt das ja. (Ich werde auch da sein, falls ich “asap” aus dem Büro loskomme.)


lichter

“Hier endet meine Reise zu den Männern. Sie endet bei dir. Mit dir nehme ich Abschied von allen, die mal meine Liebhaber waren und allen, die noch kommen wollten. Kein großer Bahnhof nötig. Du bist mein letzter Mann. Die Reise ist vorbei. Ich bin angekommen.

Mach dir keine Gedanken. Schon gar nicht, warum ich dir dies auf Kassetten spreche. Man soll sie dir vorspielen, solange ich weg bin. So werde ich nicht wirklich weg sein.

Und stör dich nicht daran, dass ich ein Wort so verschwenderisch gebrauche, mit dem du so geizig warst. Ich will dir die Liebe erklären, wie man den Krieg erklärt. Das heißt, die Liebe kann ich dir nicht erklären, nur meine. Ich erkläre sie dir in alten Vokabeln. Es geht nicht anders: Wer liebt, wechselt das Jahrhundert. [...]

Ich sehe dich an. Du am Fenster, ich hier. In meiner Vorstellung sind wir wieder zusammen, hier in unserer Wiener Wohnung. Ich könnte so ruhig sein. Könnte barfuß gehen, dich von hinten umarmen und halten. Du könntest mich später mit deinem Flüstern zum rauschenden Regen in den Halbschlaf schaukeln. Wir könnten weiter ein Leben im Konjunktiv führen, wie es Kinder spielen: Du wärest der Mann und ich die Frau, und du kämst nach Hause und ich würde schon da stehen und wir hätten…

Du fehlst. Du fehlst, dass es schmerzt, unentwegt. Aber eigentlich hast du immer gefehlt. Du warst nie genug. Es ist nie genug.

(Roger Willemsen: Kleine Lichter, Fischer Taschenbuchverlag 2005, S. 5/6)

Wie das ist, wenn einer übrigbleibt, und mit ihm die Gefühle. Ausnahmsweise nicht, weil der andere sich fortgeschlichen hat, und das eigene Herz nun eine miese Gegend geworden ist, sondern weil er im Koma liegt, und Valerie Kassetten für ihn bespricht mit all den Dingen, die sie schon lange sagen wollte. Keine Ahnung, wann mich ein Buch das letzte Mal von Anfang an so berührt hat, mit all den Wahrheiten, den schönen und den nicht so schönen. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal schon auf Seite 40 so sicher war, dass es keine Möglichkeit gibt, dieses Buch nicht zu kennen, und es immer wieder zu lesen. Vermutlich – noch nie.

b21

Das Gefühl, das Buch als Erster vollständig aufzuschlagen, den Papierrücken so durchzudrücken, bis der erste amtliche Knick drin ist, unretournierbar. Glatt und seidig, ich bin ein Paperbackleser. Ich mag Hardcover nur bedingt, der lappige Schutzumschlag stört im aufgeschlagenen Zustand, die Hände wissen nicht, wohin damit, der Lesefluss wird durch das rutschige Gefühl gestört. Ohne den Umschlag fühlt es sich nackt und rauh an, auf unangenehme Weise entblößt. Paperbacks also. Bücher teilen sich in diesem Regal in drei Kategorien: die, deren Handlung ich beim Lesen schon zu vergessen anfange; die, die mich beim Lesen bestens unterhalten; und die, die ich immer und immer wieder lese, nach Jahren noch Neues entdeckend. Radikal verändernd und lebensbegleitend, wie gute Freunde, deren längere Abwesenheit durch zu unachtsames Verleihen eine emotionale Leere ohnegleichen hervorruft. So wie zum Beispiel die Werke von Nick Hornby, die zu meinen essentiellsten Lebensleitfäden geworden sind, und die Perlen von David Sedaris, die ich nicht missen möchte. Insgeheim bin ich eine Mischung aus Rob und Will, den Protagonisten von “High Fidelity” und “About a boy”, vielleicht weniger soziopathisch und mit einer kleineren Plattensammlung, doch der Grundtenor ist der gleiche. Und doch die Erkenntnis, dass ich verloren in den Neuerscheinungs-Abteilungen großer Buchhandlungsketten stehe und Klappentexte lese, oder mich angewidert durch die Rezensionen verwirrter Amazonleser grabe, auf der Suche nach dem nächsten großen Buch mit existenzerhellendem Inhalt. Und hier kommen Sie ins Spiel, verehrte Leser – ich brauche Ihre Empfehlungen, und zwar so viele, wie sie nur loswerden können. Das ist wichtig für unser gemeinsames Vorankommen, also seien Sie nicht zu schüchtern. Treten Sie an Ihr heimisches Regal, fühlen Sie die schönsten, lustigsten, entspannendsten und traurigsten Buchmomente noch einmal nach und schreiben Sie es mir dann hier als knallharte Empfehlung auf. Der spontane Bücherkauf, der sich primär an einem hübschen Titelbild orientiert, von der Oberfläche geblendet, macht nur in der Hälfte der Fälle wirklich Freude. Vielen Dank also, dass Sie Ihre wichtigsten Bücher mit mir teilen, es bedeutet mir wirklich viel.

Update: Während Sie hier schon ganz hervorragende Empfehlungen abgegeben haben (Tausend Dank!), können Sie sich an dieser Stelle an Frollein Mellcolms Textexperiment beteiligen. Die Erklärung dazu finden Sie hier.

yinka

Vor dem Astronauten liegen sie, die guten Dinge. Der Stapel ungelesener Bücher und ungehörter CDs wächst unaufhörlich, und im Sommer, wenn die Hände des Astronauten erreicht sind, liege ich dann hoffentlich einen Monat lang auf einer Decke im Park und lese ununterbrochen. Vielleicht schaue ich dann auch endlich mal diese Kottan-DVD-Staffel, die ich vor einem Jahr geschenkt bekam und noch nicht mal aufgemacht habe… Irgendwie sagt zwar das Bauchgefühl, dass es nicht so sein wird, sondern alles ganz anders kommt. Aber irgendwie macht die Vorstellung das Zwischenzeitliche besser. Und den Stapel anzuhäufen mit neuen Büchern ist grandios, als würde man sich selbst Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen, die man noch nicht öffnen darf.

Ansonsten ist das nächste Turnschuhmädchen online. Die war enorm lustig, wir sind dann noch eine Weile zusammen durch die Stadt gelaufen und haben Schuhe angeschaut. Ich finde ja, dass die Schuhe, die sie trägt, in so einer kleinen Größe zum Niederknien schön sind.

david_sedaris

Die Sache fing ganz harmlos an, in einer Tüte voller geliehener Bücher steckte zwischendrin David Sedaris’ Buch „Ich ein Tag sprechen Hübsch“. Beim Lesen dann auf jeder zweiten Seite laut gelacht, einmal sogar, bis Tränen liefen. In David Sedaris’ Leben lief bisher ziemlich viel schief, schwierige Kindheit und Jugend, danach verpfuschtes Studium, stagnierende Künstler-Karriere, Drogensucht, merkwürdige Jobs – eigentlich lief gar nichts gut. Trotzdem ist in seinen autobiographischen Büchern keine Bitterkeit – er erzählt seine Erlebnisse, mal direkt, mal verpackt in Kurzgeschichten, wunderbar zynisch und ohne jegliche politische Korrektheit – aber ohne dabei je gehässig zu werden. Jedenfalls sollte in jeder gut geführten Heimbibliothek mindestens ein David Sedaris stehen, wenn nicht ein ganzes Rudel. Hat man einmal mit dem Lesen angefangen, ist an aufhören nicht zu denken – schon eher an gestapelte Nachtlektüre.