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Der Blick hinter die Kulissen wird länger angekündigt, als er eigentlich ist. Dann sitzen wir gute zwei Stunden im Soundcheck, eine Mischung aus tatsächlichem Soundcheck und Probe. Sie diskutieren ab und zu, und eigentlich ist das charmant. Dann geht es schnell hoch, Meeten und vor allem Greeten. Es gibt einen kurzen Smalltalk, der vor allem eins ist: professionell. Das macht er öfter, natürlich, dann bekommt jeder noch ein Shirt signiert, die hier für uns ausliegen, schnell zum Foto antreten, dann würde er nämlich gerne was essen. Dass er das so offen sagt, macht ihn sympathisch.

Dass unsere Tickets in der ersten Reihe sind, wussten wir nicht. Draußen dann die Frage, was ich mit meinem übrigen Ticket machen soll. Verkaufen, sagt jemand. Hab ich noch nie, und es kommt mir komisch vor. Es steht kein Preis drauf, ich frage eine andere Ticketverkäuferin, was ihres gekostet hatte – 60 Euro, irgendwo weiter hinten. Sie fragt einen Mann, ob er ein Ticket braucht – und dieser stellt sich als der größte Fan aller Zeiten raus. Extra aus der Schweiz angereist, seit 25 Jahren Fan und auf 36 Konzerten gewesen. Ich schenke ihm meinen zweiten Wichtig-Pass, er küsst mich links und rechts vor Freude. Irgendjemand meint, gib ihm doch das Ticket. Und ich tue es. Ich hab es ja auch gewonnen. Er platzt fast vor Aufregung. Dann zeigt er uns sein Tattoo mit dem Gesicht seines Idols.

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Dass ich ihm das Ticket direkt neben mir geschenkt habe, wird mir im Laufe des Abends einen unendlich hochroten Kopf bescheren – Fremdschämen hoch zehn. Die Atmosphäre in der Philharmonie ist recht gediegen – und er fällt auf, mit seinem lauten Rufen und seinem Hochspringen und Headbangen. Dass man das zu dieser Musik überhaupt kann, ist mir neu. Zwischenzeitlich reißt er sich das Fanshirt vom Leib, darunter ein Netzhemd, und schwenkt das Tshirt über dem Kopf wie ein Lasso. Wenn es hier einen richtigen Konzertgraben gäbe, würde ich darin versinken. Wir anderen werfen uns diese besonderen Blicke zu, und auch die Musiker werfen uns diese Blicke zu. Halb amüsiert, halb besorgt. Peter begrüßt ihn persönlich, und holt ihn sogar auf die Bühne. Als der größte Fan ihn dann zum zweiten Mal umarmt, sagt er dann „Wenn Sie jetzt bitte wieder Platz nehmen würden.“ Ich werde dunkelrot.

Und trotzdem, entgegen aller Erwartungen, ist es ein Wahnsinnskonzert. Insgesamt stehen noch zehn andere Musiker auf der Bühne, einer grandioser als der andere – und teilweise singen sie ihre eigenen Lieder. Richtig gute Lieder. Ich sitze direkt vor Gitarrengott Carl Carlton. Nachmittags ist mir sein Name nicht eingefallen. Frage die anderen, wie denn der „Vater von Max Buskohl“ heißt. „Wie wäre es denn mit – Herr Buskohl?“ Theoretisch heißt er sogar so. Später sitze ich dann also direkt vor ihm, einen Meter entfernt, und wegen des lustigen Fans links von mir starre ich ununterbrochen geradeaus. Das ist der Grund, warum man ein Gitarrenmädchen geworden ist: wegen den Gitarristen. In einer Band interessiert man sich grundsätzlich ja nicht für den Keyboardmenschen, oder den Saxophonisten, und meist ist auch der Sänger semi-interessant. Aber der Gitarrist, das ist der Frauenversteher unter den Musikern, der heimliche Star auf der Bühne.

Und wie er spielt – als hätte er das Gitarrespielen erfunden, und ich bin unerklärlich aufgeregt. Von amtlicher Seite ist er uralt, aber gleichzeitig ist er der coolste Hund hier. Manchmal springt er auf einem Bein herum, AC/DC-mäßig durch die Philharmonie. Er schaut mich gelegentlich an – wegen dem Verrückten neben mir, und auch weil ich direkt vor ihm sitze und ihn dezent anstarre wie die Schlange das Kaninchen. Die besten Momente des Abends sind die, in denen ein tendenziell rockiges Lied gespielt wird, und sich zweieinhalbtausend Menschen erheben, um zu grooven – und, wie das die älteren Menschen machen, rythmisch zu klatschen. Ich finde nichts schlimmer als Mitklatschen – aber nun sind wir hier, erste Reihe, und das bedeutet: volle Performance. Wir müssen quasi, der Gruppenzwang der großen Masse, und die Hände irgendwie zur Musik wundklatschen, das hat man nun davon.


Beim Rausgehen bedankt sich der größte Fan der Welt überschwänglich – das war einer der großartigsten Konzertabende seines Lebens, und alle verschämten Momente meinerseits sind sofort verziehen. Manchmal hat man so Anwandlungen, in denen man darüber urteilen will, was „man machen sollte“ und was nicht – aber solange einem niemand so wichtig ist, dass man sich sein Gesicht auf den Körper tättowieren lässt, hat man keine Ahnung, was es bedeutet, Fan zu sein. Vielleicht sollte man sich einfach mal locker machen und das eine oder andere Tshirt über dem Kopf schwenken wie ein Lasso. Beim nächsten Konzert dann.

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Hier zu sein ist ein glücklicher Zufall, beim letzten Besuch habe ich das Konzert irgendwie knapp verpasst. Die Vorband von Norman Palm im Magnet heißt Hundreds – und ist die erste Vorband seit langem, deren Musik mir richtig gut gefällt. Vielleicht ist das die sentimentale Vorfreude, aber die haben ein paar schöne Songs (wenn auch nicht alle auf ihrer Myspace-Seite zu finden sind).

Das Highlight an der Perfomance von Norman Palm ist dann das im Hintergrund passend zu den Songs durchgeblätterte Buch, das er selbst gestaltet hat. Noch nie habe ich eine Person so sehr vermisst wie bei diesem Konzert, ich würde am liebsten jeden einzelnen Song in der Live-Version konservieren. Das Publikum ist insgesamt ziemlich steif, keiner singt so richtig mit oder tanzt ordentlich, alle stehen nur rum und starren ihn an. Die ersten zwei Reihen sind reine Groupies, Mädchen wollen nur Spaß haben – das singt er zwar diesmal nicht live, aber wir kennen das ja. Bezaubernder junger Herr im karierten Hemd, die Posaune von Boys don’t cry imitiert er erstaunlich echt, sein Begleitmusiker zaubert mit einem winzigen DDR-Kinderpiano rum. Nach dem Konzert möchte ich mein Album für meine Vermissten-Meldung signieren lassen, aber keiner von uns beiden hat einen Stift. Er sagt, er bringt die Gitarre weg und würde danach wieder kommen. Das hat er wohl vergessen, und nach einer langen Weile lande ich doch auf der Tanzfläche.

Deswegen bin ich hier, irgendwie sollte ich mein Leben nicht mit Warten verschwenden, und auch nicht mit Vermissen. Die Indie-Disko, heute Karrera Klub, hat anscheinend in Berlin ein aufrichtiges Nachwuchsproblem, wo sind die Leute? Es gibt zwei Tanzflächen, die sich gegenseitig kannibalisieren, der eine DJ spielt dem anderen die Leute rüber. Was auch definitiv fehlt, ist eine richtige Indie-Jugend, bei uns sind das Jungs, die wie Oasis oder vielleicht der Sänger von den Kooks aussehen, und Mädchen mit Seitenscheiteln und gepunkteten Shirts. Indie ist in Berlin anscheinend ziemlich gestorben. Das Heimweh ist auf einmal richtig groß, am Ende ist genau der richtige Punkt erreicht, der die lange Fahrt wie einen Segen erscheinen lässt. Aber Jungs weinen nicht, und Mädchen wollen nur Spaß haben – das sollte man sich auf die Innenseite der Stirn schreiben lassen, mit einem Laserschwert.

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Erst vergesse ich das Ticket daheim, was mir wenigstens noch in der Nähe meiner Wohnung einfällt, dann fühlen sich die Lieder der Vorband wie eine halbe Ewigkeit an. Irgendwann ist es endlich soweit, das William Fitzsimmons Konzert in München beginnt und schon die ersten Songs öffnen alle Schleusen. Das Publikum besteht aus etwa 50 Leuten, gefühlsmäßig erinnert es ein wenig an das Wohnzimmerkonzert, nur diesmal sind die Wände zerkratzt wie eine alte Schultoilette. Bei jedem Song wird einem das Herz ein Stück weiter raus gerissen, zwischen den Liedern gibt es dann Witze, die wie Duct Tape alles zusammenhalten. Bei irgendeinem Witz lache ich so laut, dass er mein Lachen kommentiert und ich automatisch tomatenfarben im Gesicht werde. Aber eigentlich ist das nichts Neues, mein Lachen gleicht einer Orkanböe, man hört es unverkennbar durch Schallschutzwände. Im kleinen Kreis der Zuhörerschaft entsteht das, was man wohl eine besondere Atmosphäre nennen kann, keiner ist zufällig hier her gekommen. Am Ende des Konzerts steht er neben seinem Merchandise-Stand, schüttelt allen die Hand, unterschreibt hier, scherzt da, und freut sich total, seine Hörer kennen zu lernen. Ohne Übertreibung war das Konzert das sympathischste, auf dem ich je war – seine Tour führt noch bis Ende nächster Woche durch Deutschland. Unbedingt hingehen, ein Bier mit ihm trinken, wunderschöne Musik hören und einen grandios amüsanten Abend haben.

The Kooks in München im Zenith – eigentlich hätte man sich das mit dem sehr jungen und sehr weiblichen Publikum vorher denken können. Das Zenith war dazu so voll, dass man genau nichts sehen konnte. Als Vorbands spielten zuerst Johnny Flynn und dann die Band Mystery Jets – ab und zu konnte man die glitzernden Pailletten ihrer Shirts in der Ferne leuchten sehen. Eigentlich hätte alles schön sein können, wenn um uns herum nicht ein wahrer Zickenkrieg ausgebrochen wäre. Da fragte mich dann ein etwa 16 Jahre altes Mädchen, ob ich gerade ihre Freundin ausgelacht hätte. Hatte ich nicht – sonst hätte ich auch noch mit dem Finger auf sie gezeigt. Als die Kooks endlich anfingen zu spielen, brach eine Welle der Gewalt in unserem Bereich aus, die uns mehrere Meter von unserem Platz wegspülte – nach zwei Songs ließ der Schmerz immerhin nach. Das sind die Momente, in denen ich mich auf Bingo-Abende mit Heizdecke im Altersheim freue – auch wenn es leider noch etwa 60 Jahre dauert bis dahin. Insgesamt war es ein sehr solides Kooks-Konzert. Bilder von gestern Abend gibt es leider keine, die Kamera musste am Eingang abgegeben werden. Während dem Konzert blitzte es die ganze Zeit von Handys und kleinen Digicams – fotografieren war laut der Security nicht verboten, nur Spiegelreflexkameras. Man könnte mit dem Objektiv werfen. Mein Einwand, dass man auch mit einem Schuh werfen könnte und deswegen längst nicht alle die Schuhe ausziehen müssen, wurde mit einem „Aber ein Objektiv ist eben sehr schwer“ quittiert. Der gesunde Menschenverstand regiert jedenfalls nicht bei solchen Überlegungen – niemand würde sein wertvolles Objektiv bei einem Konzert werfen. Gesamtfazit: Musik war in Ordnung, der Rest sehr ernüchternd.

Anhören: The Kooks – Ooh La.

Wombats Konzert im Backstage. Das Publikum ist im Durchschnitt 14 und viele hier wurden von den Eltern mit dem Auto vor der Tür abgeliefert. Dazwischen einige ältere Leute, die aussehen, als hätten sie nicht nur die Kinder hergefahren, sondern würden sie auch noch aufs Konzert begleiten. Aber gerade weil hier nicht alle von zahlreichen Konzertbesuchen durchgerüttelt sind, ist das Publikum enorm gut drauf. Auch die Band, die eine fulminante Show abliefert. Die Zwischenfälle sind überschaubar: ein paar Stagediver; ein auf die Bühne geworfener Tampon (unbenutzt), den die Band wie ein kurioses Fundstück von allen Seiten beäugt und kommentiert, und drei junge Damen, die plötzlich auf der Bühne tanzten und sofort vom Roadie wieder runter begleitet wurden (siehe letztes Bild). Grandioses Konzert auf jeden Fall.

Später legten die Wombats noch im Atomic auf, bestens gelaunt, mit einer recht erstaunlichen Musik-Auswahl. Aber wahrscheinlich waren das die Lieder, die sie schon immer mal in einem Club spielen wollten.

Dazwischen noch aufgefallen: eine junge Dame mit riesigem Ratten-Tattoo und Leoparden-Print-Ganzkörperanzug.

Dieser junge Mann mit pinker Brille, Skimütze und Karohemd. Großartiger Gesichtsausdruck auf dem zweiten Bild rechts außen.

Dieser bärtige Mann, ist das nicht der Roadie, der die drei Mädchen…? „Ja“ war seine einzige deutsche Vokabel, aber das sagte er die ganze Zeit.

Großartiger Bart mit Brille auch hier.

Und noch zwei junge Männer in Karohemden. Eigentlich ein schöner Trend, muss man ja mal sagen.