Es gibt so Themen, die einen persönlich eine Weile beschäftigen, und plötzlich liest man immer mehr zu dem Thema, ohne zu wissen, ob auf einmal mehr darüber geschrieben wird, oder es einem selbst nur plötzlich mehr auffällt. (Beides, vielleicht.)
Max Scharnigg schreibt im Artikel “Wie du isst” über das sogenannte “zweite Ernährungsleben”, das beginnt, wenn man irgendwann von zu Hause auszieht und auf einmal nicht mehr gegessen wird, was auf den Tisch kommt, sondern man sich auf einmal selbst mit dem Thema Ernährung auseinandersetzen muss:
Essen ist dann nicht mehr die unschuldige Nebenbei-Tätigkeit der Kindheit. Es wird zu einem Kampf, wenn wir zum Beispiel über das Zuviel oder das Zuwenig nachdenken. Es wird zur Lebensschule, wenn wir uns mit veganen oder Straight-X-Theorien beschäftigen. Es wird zum Geschäft, weil wir von der Werbung als Ziel auserkoren werden, und es ist natürlich auch Ausdruck unserer Loslösung von Mama und Papa: Die Essenszeiten binden uns nicht mehr, wir verlagern die Mahlzeiten erst in unser Zimmer und dann gleich nach außerhalb des Elternhauses. Der Döner nach Mitternacht ist dabei genauso Symbol unserer Autonomie wie die Fertigpizza – beide Essen sind eine Ver- sicherung dafür, dass wir bei der Zubereitung auf niemanden angewiesen sind.
Alles gar nicht so einfach. Essen ist als Thema so aufgeladen wie nie zuvor, in jeglicher Hinsicht. Massentierhaltung und eine schlechte CO2-Bilanz sorgen für das moralische schlechte Gewissen, Pestizide auf dem sonst so gesunden Gemüse und andere Lebensmittelskandale sorgen für gesundheitliche Bedenken, Ernährungsideologien wie Low Carb, Trennkost, Tralala sortieren Essen in Gut und Böse (manche immer, manche je nach Uhrzeit). Wir haben viel über Ernährung gelesen, jeder Experte weiß immer noch genauer bescheid als der andere, wie das alles zu funktionieren hat. Wir sind überinformiert und unterorientiert. Wir wissen, was wir sollen, aber nicht mehr so richtig, was wir wollen. Lieber das essen, wovon wir denken, dass es gut für uns ist, oder das, worauf wir wirklich Lust haben? Essen wir anders, wenn andere dabei zusehen und wir unsere “braven” Mahlzeiten mit einem Instagr.am Foto bei Facebook dokumentieren, damit andere unsere gesunde Ernährung kommentieren – und vor allem liken – können? Seit wann brauchen wir digitalen Applaus am Küchentisch? Gab es je ein Foto, auf dem jemand die Nudeln direkt aus dem Topf gegessen hat? Was würden die Leute denken? Wieso essen wir nicht mehr für uns, sondern für die anderen? Und wann fing das alles an, so kompliziert zu werden? Was hat uns bloß so ruiniert?
Die anderen beschäftigt das Thema Ernährung auch – Anke Gröner schreibt dazu eins meiner liebsten Blogs, weil sie einfach mit dem Kopfzirkus aufgehört hat. Und nur noch das isst, was sie wirklich essen möchte (was im Übrigen meist erstaunlich “gesund” ist.) Fräulein Coolcat beschäftigt sich auf andere Art und Weise mit dem Thema Essen: Zum einen schrieb sie neulich über ihr erstes Mal Containern (denn das Thema Verschwendung/Verwertung von Essen ist ja auch so eine Sache), zum anderen befindet sie sich gerade mitten in einer veganen Phase. Arte zeigte eine ziemlich gute Dokumentation zum Thema Ernährung und Schönheitsideale, der Kampf mit dem eigenen Körper trägt den treffenden Namen “Operation Bikini” (die man hier in Ausschnitten auf Youtube sehen kann). Ein langer Weg, und wir sind mitten drin.



















