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Was Ghayeb und all die anderen brauchen, ist eine Antwort, ob wir es ernst meinen, unser Versprechen auf Schutz vor Verfolgung, oder ob wir Mitleid nur mit den Bildern von leidenden Menschen im Krieg in der Ferne haben, aber nicht mit den realen Menschen hier in den Heimen an unserer Peripherie.

Es gibt verschiedene Arten von Unsichtbarkeit. Manche Menschen werden nicht gesehen, weil sie sich verstecken, manche werden nicht bemerkt, weil sie in Gegenden leben, die man nie besucht, an der Peripherie, und manche Menschen werden nicht gesehen, weil man wegsieht oder durch sie hindurch.

Was sichtbar wird, wenn man sich an den Rand begibt und die Umfangslinie abschreitet, sind nicht sie, sondern wir.

Wie geht es denen, die bei uns Zuflucht suchen? Ein halbes Jahr lang haben wir die Menschen in der Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt begleitet.

Ein langer, lesenswerter Text von Carolin Emcke im Zeit Magazin.

„Und jetzt frage ich mich die ganze Zeit, vornehmlich nachts, wenn die Dunkelheit mich abdriften lässt: Was habe ich eigentlich gesucht? Warum habe ich es nicht gefunden? Was habe ich stattdessen gefunden? Wo ist das jetzt? Warum hat mich das Reisen zum Schluss so furchtbar krank gemacht? Mir geht die ganze Zeit im Kopf herum, dass ich nichts habe, dass ich nicht einmal Freunde habe, nur Bekanntschaften, über die ganze Welt verstreut und für die war ich eine lustige, kurze Begleitung, gone with the wind.“

Kurzes Schweigen, Luft holen.

Mercedes Lauenstein hat für das Blog Magazin bei wildfremden Menschen mitten in der Nacht an Türen geklingelt, um zu fragen, warum sie noch wach ist.
Absolut lesenswerte Geschichten: vielleicht gerade, weil die Nacht die Interviewten offener macht; vielleicht auch, weil da endlich jemand kommt und nachfragt.


Insgesamt lese ich wenige Printprodukte – es ergibt sich einfach nicht; zur Zeit lese ich generell wenig. (Früher, Sie werden sich erinnern, gab es hier Monatsrückblicke, in denen stand, was ich las; aber mittlerweile teile ich die Zeit nicht mehr auf diese Art in Zusammenfassungen ein.)
Print also immer seltener, aber an Bahnhöfen und Flughäfen liebe ich diese großen Zeitungsläden mit tausenden Magazinen in allen Sprachen, und da kaufte ich dieses Heft. Psychologie Heute Compact, Heft 33 – “Widerstand leisten gegen die Zumutungen der Zeit”. Die Themenblöcke im Heft sind “Widerstand leisten”, “Grenzen setzen”, “Abstand halten”. Tatsächlich sind da recht gute Denkanstöße drin – denn wann ich das letzte Mal aktiv Widerstand geleistet habe, fällt mir nicht so recht ein. Oder Abstand halten, in einer Zeit, in der wir nicht nur beruflich ständig erreichbar sind, sondern auch im privaten Umfeld – und zum Beispiel bei Facebook angezeigt wird, wann der Empfänger einer Nachricht diese Nachricht gelesen hat. Finde nur ich das irgendwie zuviel des Guten? Wann fing diese unangenehme Transparenz in der Kommunikation an? Und wieso leisten wir da so wenig Widerstand? Nachdenken über diese und ähnliche Fragen liefert jedenfalls interessante Ergebnisse.


Meine reguläre Aufmerksamkeitsspanne bei Videos im Internet liegt für gewöhnlich bei maximal 3 Minuten – trotzdem habe ich mit diese Keynote der SXSW Interactive von Tina Roth-Eisenberg ganz angesehen. Weil ich ein riesiger Swiss Miss-Fan bin. Und weil ich hinter fast jeden ihrer Sätze ein Ausrufezeichen setzen wollte. Ja, ja und ja.

Seit langer Zeit hege ich eine mehr oder weniger heimliche Leidenschaft für Trash. Das kommt und geht in Schüben, und während ich wirklich jederzeit eine tiefgehende Brandrede über die gesellschaftliche Bedeutung der Scripted Love in Bauer sucht Frau halten würde und ein Faible für schlechte Texte, Spam-Mails und Verpackungsbeilagen habe, kam eine Sache in diesem Blog bisher zu kurz: Grauenhafte Fotos. Gestern fand ich im App Store durch Zufall beim großzügigen Herunterladen von Gratis-Apps die schlechteste App der Welt, die so sagenhaft unfassbar schlimm ist, dass sie im Grad ihrer Grauenhaftigkeit wiederum sehr großartig ist und deswegen einer dringenden Empfehlung bedarf.

Immerhin bringt die App all meine verschiedenen Facetten wunderbar zur Geltung:

Als durchgedrehter Metzger:

Mit Lockenwicklern im Bett, Hände brav über der Bettdecke:

Als Prinz Eisenherz-Verschnitt:

Als Baby, das gerade aus dem Ei geschlüpft ist:

Die Nymphe hinterm Baum:

Meine Zweitidentität, Rambo:

Und um drei vor zwölf im Hasenkostüm an Heiligabend:

Unfassbar. Die hier verwendeten Bildvorlagen aus der russischen Wunder-App sind nur ein Bruchteil der dort möglichen Kompositionen, quasi die Spitze des Eisbergs.
Die Pho.to Lab App gibt es hier zum kostenlosen Download als iPhone/iPad App und hier als Android-Version; anscheinend auch als Web-Editor verfügbar. (Warnhinweis: Nicht für sensible Menschen geeignet. Übermäßige Anwendung kann zur digitalen Abhängigkeit führen.)

Du solltest Wurzeln schlagen können, kizim, und wenn es für mich bedeutete, noch einmal durch schmerzhafte alte Geschichten zu gehen und mich an nie gefragte neue zu wagen. Und weißt du was? Genau darum kann ich dir jetzt, über ein Jahr später, erzählen, was ein glückloser anatolischer Eselhändler, ein Unwetter in Serbien, ein Weltkrieg, ein Goldhamsterschaufenster der Islam und eine deutsche politische Entscheidung miteinander und mit deinem Leben zu tun haben. Damit du verstehst, wie das alles zusammenhängt, muss ich bei zwei Brüdern beginnen, einem Ziegenhirten und einem Dichter. Einem, der voller Sehnsucht gewesen ist nach einem besseren Leben, und einem, der seinem Bruder überall hingefolgt wäre. Einem, der sein Glück in der Fremde nicht behalten konnte, und einem, der inzwischen schon nicht mehr lebt.

An einem Tag und in einer schlaflosen Nacht Suna von Pia Ziefle komplett gelesen. Die neugeborene Tochter schläft nicht, weil sie keine Wurzeln schlagen kann, deswegen erzählt die junge Mutter ihr in mehreren Nächten die Lebensgeschichten ihrer deutschen, türkischen und serbischen Eltern und Großeltern. Das Leitmotiv der Geschichte ist Liebe, und die Sehnsucht danach, endlich anzukommen. Lange habe ich keinen so starken, schönen Roman gelesen, in dem alle einzelnen Figuren so liebevoll dargestellt werden. Man muss das Buch angeblich gar nicht spätnachts lesen, aber es passt so gut, und ich konnte Suna nicht weglegen, bevor die Geschichte zuende war. Wenn man sich vornehmen kann, eine Nacht durchzutanzen, kann man noch viel schöner eine Nacht durchlesen.

Ich hebe das Teeglas hoch, und dabei sehe ich die Narbe auf meinem kleinen Finger, die ich mir in der Grundschule geholt habe, als wir eine Schale aus einem Stück Teakholz schnitzen mussten. Mit einem Stechbeitel. Stechbeitel. Was für ein Wort.

Ich habe mal gehört, dass die Haut sich mindestens alle achtundvierzig Stunden erneuert. Also, wenn man jemandem nach ein paar Tagen die Hand schüttelt, hat man schon nicht mehr dieselbe Person zu fassen und man selbst ist auch nicht mehr dieselbe Person. Nur die Narben bleiben. Kein Charakterzug, keine Erinnerung ist so stabil.

[...]

Ich wäre jetzt gern ein bisschen sentimental, aber ich bin es nicht. Ich bin vollkommen ruhig. Ich bin vollkommen leer, und dann fange ich auf einmal an zu weinen.

Dabei weine ich sonst nur vor dem Fernseher. Das letzte Mal wegen irgend so einer Tiersendung.

Wolfgang Herrndorf – In Plüschgewittern, S. 126.

Ich mag Protagonisten, die nicht so recht wissen, wohin mit sich und dem Leben, und sich beim Herumstolpern zu viele Gedanken machen. Die sich kaputt denken, an dieser Welt und ihren seltsamen Begebenheiten. Man könnte es Popliteratur nennen, man muss aber nicht. Eine wahnsinnig schöne Vorstellung, dass man alle 48 Stunden in einer neuen Haut steckt; und auch, dass Narben die Fixpunkte auf dieser neuen Hülle sind. Das, was bleibt. Stabil.

Dies ist keine sachliche Rezension. Dies hier ist keine objektive Rezension. Solche Dinge und bezaubernde Interviews können Sie woanders lesen. Zum Beispiel hier. Dies hier ist vielmehr eine Liebeserklärung, weil einer der wunderbarsten Menschen, die ich überhaupt kenne, das erste Buch geschrieben hat. Machen wir uns nichts vor – Lisa hätte statt eines Romans auch ihre Memoiren auf einem Bierdeckel schreiben können, und auch das hätte ich bezaubernd gefunden. Irgendwie. Trotzdem ist das hier ein anderes Kaliber, und es passt hervorragend. Zur Bettwäsche und zu allem.

Wie das ist, wenn jemand stirbt, der zu jemandem gehörte, der einem selbst nahe steht, dieser Schmerz aus zweiter Hand, die Mischung aus der eigenen Trauer und der fremden. Diese Sprachlosigkeit, die einen übermannt, weil es zum Tod von geliebten Menschen noch nie etwas Passendes zu sagen gab. Keine Worte, die in solchen Situationen die Welt zusammen hielten. Weil nichts hilft außer Weiteratmen, und selbst das in manchen Momenten einfach schier unmöglich scheint. In Lenes und Tonias Leben ist das die erste richtige Krise, zwischen all den Belanglosigkeiten und Nichtigkeiten, die das Jungsein dankbarerweise mit sich bringt. Auf einmal hilft nichts außer Wegfahren, einfach selbst für eine Weile nicht mehr da sein, an diesem Dort, wo alles stattfand und jeder einzelne Gegenstand eine Bedeutung hat, die er gestern noch nicht hatte. Weil er es nicht haben musste. Weil ein einzelner unachtsamer Augenblick die Welt verändert, in der wir uns eben noch so sicher und geborgen fühlten.

Dies ist kein leichtes Buch. Keins von denen, die einen als seichte Lektüre am Strand mal eben unterhalten. Keins von den Büchern, die einen schmunzeln lassen. Dies ist ein Buch, das einen zwischendurch auf eine Art und Weise berührt, dass man es weglegen muss, die Musik laut aufdrehen, einen Moment wieder im Hier und Jetzt ankommen und die Tränen runterschlucken, weil das alles so nahe kommt. Trotzdem, oder gerade deswegen ist dieses Buch kein Buch, das man nicht gelesen haben kann.

lichter

“Hier endet meine Reise zu den Männern. Sie endet bei dir. Mit dir nehme ich Abschied von allen, die mal meine Liebhaber waren und allen, die noch kommen wollten. Kein großer Bahnhof nötig. Du bist mein letzter Mann. Die Reise ist vorbei. Ich bin angekommen.

Mach dir keine Gedanken. Schon gar nicht, warum ich dir dies auf Kassetten spreche. Man soll sie dir vorspielen, solange ich weg bin. So werde ich nicht wirklich weg sein.

Und stör dich nicht daran, dass ich ein Wort so verschwenderisch gebrauche, mit dem du so geizig warst. Ich will dir die Liebe erklären, wie man den Krieg erklärt. Das heißt, die Liebe kann ich dir nicht erklären, nur meine. Ich erkläre sie dir in alten Vokabeln. Es geht nicht anders: Wer liebt, wechselt das Jahrhundert. [...]

Ich sehe dich an. Du am Fenster, ich hier. In meiner Vorstellung sind wir wieder zusammen, hier in unserer Wiener Wohnung. Ich könnte so ruhig sein. Könnte barfuß gehen, dich von hinten umarmen und halten. Du könntest mich später mit deinem Flüstern zum rauschenden Regen in den Halbschlaf schaukeln. Wir könnten weiter ein Leben im Konjunktiv führen, wie es Kinder spielen: Du wärest der Mann und ich die Frau, und du kämst nach Hause und ich würde schon da stehen und wir hätten…

Du fehlst. Du fehlst, dass es schmerzt, unentwegt. Aber eigentlich hast du immer gefehlt. Du warst nie genug. Es ist nie genug.

(Roger Willemsen: Kleine Lichter, Fischer Taschenbuchverlag 2005, S. 5/6)

Wie das ist, wenn einer übrigbleibt, und mit ihm die Gefühle. Ausnahmsweise nicht, weil der andere sich fortgeschlichen hat, und das eigene Herz nun eine miese Gegend geworden ist, sondern weil er im Koma liegt, und Valerie Kassetten für ihn bespricht mit all den Dingen, die sie schon lange sagen wollte. Keine Ahnung, wann mich ein Buch das letzte Mal von Anfang an so berührt hat, mit all den Wahrheiten, den schönen und den nicht so schönen. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal schon auf Seite 40 so sicher war, dass es keine Möglichkeit gibt, dieses Buch nicht zu kennen, und es immer wieder zu lesen. Vermutlich – noch nie.

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Es gibt zwei Formen der Begeisterung, die milde Begeisterung und die wilde Begeisterung. Die milde Begeisterung ist ein warmes Lächeln, wenn ein Plan funktioniert, und die Dinge sich plötzlich gedreht haben. Die wilde Begeisterung ist ein spontanes emotionales Flammenmeer, weil da etwas ganz Großartiges ist, das einem da in den Weg stolpert. So wie 1001 rules for my unborn son – Let’s get some things straight before I get old and uncool, ein wahnsinnig sympathisches Projekt, das nicht nur für ungeborene Söhne ganz großartige Regeln und sehr schöne Bilder parat hält. Manche dieser Regeln möchte man sich direkt in ein Kissen sticken, um sie nie wieder zu vergessen. Bevor das dazugehörige Buch da ist, das man sich wie eine zweite Bibel auf den Nachttisch stellen kann, hier schon mal ein paar Regeln zum Auswendiglernen:

121. Men should not wear sandals. Ever.

127. Know her dress size. Don’t ask.

133. On stage is no time to be shy.

335. If you’re good at something, never do it for free.

355. Never request a joke or an impression. They’re never as good on command.

367. You marry the girl, you marry her whole family.

376. If you need music on the beach, you’re missing the point.

378. It’s not a gang without the cool girl.

389. After writing an angry email, read it carefully. Then delete it.