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Im Sommerlesestapel weiter oben gelegen, ein Buch über die Liebe. Ein Roman soll es sein, aber eigentlich stimmt das nicht – es ist einerseits die Geschichte eines Paares, exemplarisch; und dazwischen kursiv ein philosophisches Manifest über die Liebe. Das Manifest ist in der Wir-Form geschrieben, es meint also uns, als Lesende und Liebende, und seziert fein die verschiedenen Stadien und Problemfelder einer langen monogamen Beziehung mit Familiengründung (klassisch heteronormativ).

Es stehen enorm viele kluge Sätze drin, die mit und ohne Kontext funktionieren, zum Beispiel über das Verlieben:

Love reaches a pitch at those moments when our beloved turns out to understand, more clearly than others have ever been able to, and perhaps even better than we do ourselves, the chaotic, embarrassing and shameful parts of us. That someone else gets who we are and both sympathizes with and forgives us for what they see underpins our whole capacity to trust and to give. Love is a dividend of gratitude for our lover’s insight into our own confused and troubled psyche.

Über die Partnerwahl an sich:

We are looking to re-create, within our adult relationships, the very feelings we knew so well in childhood – and which where rarely limited to tenderness and care. [...] How logical, then, that we should as adults find ourselves rejecting certain candidates not because they are wrong but because they are a little too right – in the sense of seeming somehow excessively balanced, mature, understanding and reliable – given that, in our hearts, such rightness feels foreign and unearned. We chase after more exciting others, not in the belief that life with them will be more harmonious, but out of an unconscious sense that it will be reassuringly familiar in its patterns of frustration.

Über die Reife in gemeinsamen Krisenphasen:

Few in this world are ever simply nasty; those who hurt us are themselves in pain. The appropriate response is hence never cynicism or aggression but, at the rare moments one can manage it, always love.

Über die Bereitschaft für eine lange Beziehung oder Ehe:

There can only ever be a ‘good enough’ marriage. For this realization to sink in, it helps to have had a few lovers before settling down, not in order to have had a chance to locate the ‘right person, but in order to have had an ample opportunity to discover at first hand, and in many different contexts, the truth there isn’t any such person; and that everyone really is a bit wrong when considered from close up.

Und darüber, wie die Liebe zu den eigenen Kindern die Chance bietet, auch Erwachsenen liebevoller zu begegnen:

The child teaches the adult something else about love: that genuine love should involve a constant attempt to interpret with maximal generosity what might be going on, at any time, beneath the surface of difficult and unappealing behaviour. [...]
How kind we would be if we managed to import even a little of this instinct into adult relationships – if here, too, we could look past the grumpiness and visciousness and recognize the fear, confusion and exhaustion which almost invariably underlie them. This is what it would mean to gaze upon the human race with love.

Ein schönes Plädoyer, die romantische Liebe anders zu betrachten, mit weniger Verklärung und mehr Realitätsabgleich.
[Alain de Botton: The Course of Love*, und ab morgen als deutsche Version u.a. bei Amazon erhältlich: Der Lauf der Liebe*.
Alain de Botton schreibt auch sehr lesenswerte Tweets.]


“Haste den neuen Stuckrad-Barre schon gelesen? Ist echt gut, schonungslos, hart natürlich auch, aber muss man echt lesen.” So, oder so ähnlich, das sagen grade alle, und während es natürlich herzlich egal ist, was alle sagen, jetzt also doch mal wieder Stuckrad-Barre gelesen. Panikherz*, guter Titel, eh klar, der Titel ist die halbe Miete. Keine Rezensionen vorher gelesen, erst nachher, und dann natürlich die Frage aller Fragen: was soll man über so ein Buch schreiben?

Was ist das überhaupt für ein Genre, eine Mischung aus Lebensbeichte, öffentlichem Tagebuch und einer Art Doktorarbeit über Begegnungen mit einzelnen Figuren des Pop- und Literaturbetriebs? Viel zu privat alles beim Blick hinter die Kulissen, Blut, Schweiß, Absturz und Tränen überall, alles selbst erlebt irgendwie, dadurch natürlich eh schon unangreifbar, also kann man alles und nichts drüber sagen; alles natürlich mit HERVORHEBUNGEN, so dass man jederzeit die richtige Betonung kennt und es beim Lesen so ist, als würde er im eigenen Hirn sitzen und vorlesen. Dazu noch ungefähr vier Meta-Ebenen, die wahrscheinlich die Hälfte eh nicht versteht und so viele Popreferenzen, also, da muss man schon viel Musik gehört und die richtigen Bücher gelesen haben; dieses Buch ist wirklich nicht für jeden etwas.

Ein richtiges Brett, 564 Seiten, man muss das schon auch bis zum Ende durchhalten können und wollen, in der Mitte dann irgendwann der große Wunsch, dass es ihm doch bald besser gehen möge, dauert natürlich noch eine ganze, lange Weile; zwischendurch googlen, wie es ihm denn jetzt geht, und falls man eine völlig vermessene Ferndiagnose per Bildersuche ausstellen kann, obwohl man natürlich weiß, dass man nichts weiß, dann wäre es am ehesten “den Umständen entsprechend”.

Es ist ein Männerbuch, von einem Mann über die wichtigen Männer seines Lebens, Frauen eher nur Randfiguren; das alles auszuerzählen wäre ein anderes Buch geworden. Alles eine einzige sausage party, ehemalige Indiejünger bekommen da sicher feuchtschwitzige Hände, man, wen der alles getroffen hat im Laufe seines bunten Treibens! In den wilden Jahren allen ans Bein gepinkelt, später sinkt der Ironiepegel und dann ist da manchmal einfach nur ein Fanboy mit dem großen Glück, im richtigen Moment doch mal am richtigen Ort zu sein, Access All Areas, tiefgründige und weniger tiefgründige Momente mit denen da oben, natürlich wird auch immer klar, wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, gerade und vor allem auch bei denen; er selbst zwar zwischenzeitlich high, aber nicht so richtig oben dabei, eher immer ein Stück daneben, das löst sich nicht auf, nichtmal halbironisch.

So eine einzelne Sucht wäre ja schon hart und anstrengend, aber Drogen, Alkohol und Essstörung? Nur kurz am Anfang wird der eine oder andere Rausch noch glorifiziert, später alles nur noch hässliche Fratze, Christiane F. lässt grüßen. Der Rezensentenfreund, der auf der Rückseite des Buches mit dem Satz “Ich bin ja eher ein bürgerlicher Mensch, aber eines weiß ich nach diesem grandiosen Buch gewiss: Ich hab ‘ne Menge verpasst!” zitiert wird, hatte das Buch zum Zeitpunkt des Zitats entweder noch nicht gelesen oder nix verstanden, ansonsten ist das Gegenteil von gut natürlich gut gemeint und hätte eher eine Backpfeife verdient.

Es ist schade, wenn man mit Udo nichts am Hut hat; weil das der rote Faden des Buchs ist und alles zusammenhält. Leider kein Künstler, über den man zufällig stolpert, die Lieder muss einem schon jemand zur richtigen Zeit vorspielen und einen mit der Udoliebe anstecken; und wenn man richtig drüber nachdenkt, ist es genau der Weg, auf dem die beste Musik ins eigene Leben findet: jemand spielt sie einem genau dann vor, wenn man sie braucht. Dazu also leichte Verwunderung bei Stuckrad-Barre, dass es Leute gibt, die mit Udos Musik nichts anfangen können, aber soll es wirklich geben; dann auch einer der schönsten Sätze des Buchs: Man kann nur jedem wünschen, dass er eine solche Musik hat, die ihm ein Zuhause ist.

Dem Buch fehlen Widmung und Dank, gleich am Anfang gemerkt, immer schade, meine Lieblingsstellen in Büchern, aber am Ende dann auch klar, dass sich Dank und Widmung auf den 564 Seiten verstecken, immer wieder viel Liebe für Udo und die Panikfamilie, und die echte, die ihn immer wieder rausholt, nicht nachlässt, niemals, nicht nach allem, was da gewesen ist.
Das kleingedruckt auszuformulieren wäre vermutlich zu offensichtlich, dann lieber episch zwischendrin.

Tatsächlich hat das Buch ein eigenes Genre begründet, da steht es dann recht alleine im Regal: als Überlebenswerk. Das machen wir ja auch alle, jeden Tag, wenn’s auch manchmal nicht mehr ist als das, aber immerhin. Man bekommt da keine Tipps, kein Ich-hab-es-geschafft-und-du-kannst-es auch-Lebenshilfe-Coaching, nicht mal ein solides Wie-man-es-nicht-machen-sollte, es wird in keine Richtung missioniert, und vielleicht ist genau das das Allerschönste an dem Buch.

(Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz, Kiepenheuer & Witsch, 2016.
* Amazon Affiliate Link, aber natürlich auch in der Buchhandlung des Vertrauens erhältlich.)

Nach langer Zeit und wahrscheinlich auch für lange Zeit mal wieder im Kino gewesen und Boyhood gesehen und ihn rundum gut gefunden. Wie toll es ist, einen Film über 12 Jahre zu drehen; zu hoffen, dass das klappt. Dass alles gut geht und alle bis zum Ende mitmachen wollen und können.
Wie bewegend der Film ist, unaufgeregt und leise. Wie man zwischendurch das Gefühl hat, dass das Leben genau so ist, kein bißchen glamourös, sondern sehr real und an manchen Stellen auch recht hart. Wie man über die Jahre sieht, was aus Entscheidungen wird. Wie manche Dinge funktionieren und andere nicht, und wie man dann einfach weitermacht und auch zwischendurch immer wieder neu anfangen kann und muss.
Wie sich das Erwachsenwerden anfühlt: für die Kinder und auch für die Eltern, die manchmal gar nicht so schnell hinterher kommen.
Selten hat ein Film so einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, voll auf die 12; dieses Gefühl schon beim ersten Anschauen, dass das einer der besten Filme ist, die ich je gesehen habe, und den ich wahrscheinlich noch lange später als einen Allzeitfavoriten nennen werde.
(Und dann ist auch noch der Soundtrack toll!)

Was Ghayeb und all die anderen brauchen, ist eine Antwort, ob wir es ernst meinen, unser Versprechen auf Schutz vor Verfolgung, oder ob wir Mitleid nur mit den Bildern von leidenden Menschen im Krieg in der Ferne haben, aber nicht mit den realen Menschen hier in den Heimen an unserer Peripherie.

Es gibt verschiedene Arten von Unsichtbarkeit. Manche Menschen werden nicht gesehen, weil sie sich verstecken, manche werden nicht bemerkt, weil sie in Gegenden leben, die man nie besucht, an der Peripherie, und manche Menschen werden nicht gesehen, weil man wegsieht oder durch sie hindurch.

Was sichtbar wird, wenn man sich an den Rand begibt und die Umfangslinie abschreitet, sind nicht sie, sondern wir.

Wie geht es denen, die bei uns Zuflucht suchen? Ein halbes Jahr lang haben wir die Menschen in der Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt begleitet.

Ein langer, lesenswerter Text von Carolin Emcke im Zeit Magazin.

„Und jetzt frage ich mich die ganze Zeit, vornehmlich nachts, wenn die Dunkelheit mich abdriften lässt: Was habe ich eigentlich gesucht? Warum habe ich es nicht gefunden? Was habe ich stattdessen gefunden? Wo ist das jetzt? Warum hat mich das Reisen zum Schluss so furchtbar krank gemacht? Mir geht die ganze Zeit im Kopf herum, dass ich nichts habe, dass ich nicht einmal Freunde habe, nur Bekanntschaften, über die ganze Welt verstreut und für die war ich eine lustige, kurze Begleitung, gone with the wind.“

Kurzes Schweigen, Luft holen.

Mercedes Lauenstein hat für das Blog Magazin bei wildfremden Menschen mitten in der Nacht an Türen geklingelt, um zu fragen, warum sie noch wach ist.
Absolut lesenswerte Geschichten: vielleicht gerade, weil die Nacht die Interviewten offener macht; vielleicht auch, weil da endlich jemand kommt und nachfragt.


Insgesamt lese ich wenige Printprodukte – es ergibt sich einfach nicht; zur Zeit lese ich generell wenig. (Früher, Sie werden sich erinnern, gab es hier Monatsrückblicke, in denen stand, was ich las; aber mittlerweile teile ich die Zeit nicht mehr auf diese Art in Zusammenfassungen ein.)
Print also immer seltener, aber an Bahnhöfen und Flughäfen liebe ich diese großen Zeitungsläden mit tausenden Magazinen in allen Sprachen, und da kaufte ich dieses Heft. Psychologie Heute Compact, Heft 33 – “Widerstand leisten gegen die Zumutungen der Zeit”. Die Themenblöcke im Heft sind “Widerstand leisten”, “Grenzen setzen”, “Abstand halten”. Tatsächlich sind da recht gute Denkanstöße drin – denn wann ich das letzte Mal aktiv Widerstand geleistet habe, fällt mir nicht so recht ein. Oder Abstand halten, in einer Zeit, in der wir nicht nur beruflich ständig erreichbar sind, sondern auch im privaten Umfeld – und zum Beispiel bei Facebook angezeigt wird, wann der Empfänger einer Nachricht diese Nachricht gelesen hat. Finde nur ich das irgendwie zuviel des Guten? Wann fing diese unangenehme Transparenz in der Kommunikation an? Und wieso leisten wir da so wenig Widerstand? Nachdenken über diese und ähnliche Fragen liefert jedenfalls interessante Ergebnisse.

Seit langer Zeit hege ich eine mehr oder weniger heimliche Leidenschaft für Trash. Das kommt und geht in Schüben, und während ich wirklich jederzeit eine tiefgehende Brandrede über die gesellschaftliche Bedeutung der Scripted Love in Bauer sucht Frau halten würde und ein Faible für schlechte Texte, Spam-Mails und Verpackungsbeilagen habe, kam eine Sache in diesem Blog bisher zu kurz: Grauenhafte Fotos. Gestern fand ich im App Store durch Zufall beim großzügigen Herunterladen von Gratis-Apps die schlechteste App der Welt, die so sagenhaft unfassbar schlimm ist, dass sie im Grad ihrer Grauenhaftigkeit wiederum sehr großartig ist und deswegen einer dringenden Empfehlung bedarf.

Immerhin bringt die App all meine verschiedenen Facetten wunderbar zur Geltung:

Als durchgedrehter Metzger:

Mit Lockenwicklern im Bett, Hände brav über der Bettdecke:

Als Prinz Eisenherz-Verschnitt:

Als Baby, das gerade aus dem Ei geschlüpft ist:

Die Nymphe hinterm Baum:

Meine Zweitidentität, Rambo:

Und um drei vor zwölf im Hasenkostüm an Heiligabend:

Unfassbar. Die hier verwendeten Bildvorlagen aus der russischen Wunder-App sind nur ein Bruchteil der dort möglichen Kompositionen, quasi die Spitze des Eisbergs.
Die Pho.to Lab App gibt es hier zum kostenlosen Download als iPhone/iPad App und hier als Android-Version; anscheinend auch als Web-Editor verfügbar. (Warnhinweis: Nicht für sensible Menschen geeignet. Übermäßige Anwendung kann zur digitalen Abhängigkeit führen.)

Du solltest Wurzeln schlagen können, kizim, und wenn es für mich bedeutete, noch einmal durch schmerzhafte alte Geschichten zu gehen und mich an nie gefragte neue zu wagen. Und weißt du was? Genau darum kann ich dir jetzt, über ein Jahr später, erzählen, was ein glückloser anatolischer Eselhändler, ein Unwetter in Serbien, ein Weltkrieg, ein Goldhamsterschaufenster der Islam und eine deutsche politische Entscheidung miteinander und mit deinem Leben zu tun haben. Damit du verstehst, wie das alles zusammenhängt, muss ich bei zwei Brüdern beginnen, einem Ziegenhirten und einem Dichter. Einem, der voller Sehnsucht gewesen ist nach einem besseren Leben, und einem, der seinem Bruder überall hingefolgt wäre. Einem, der sein Glück in der Fremde nicht behalten konnte, und einem, der inzwischen schon nicht mehr lebt.

An einem Tag und in einer schlaflosen Nacht Suna von Pia Ziefle komplett gelesen. Die neugeborene Tochter schläft nicht, weil sie keine Wurzeln schlagen kann, deswegen erzählt die junge Mutter ihr in mehreren Nächten die Lebensgeschichten ihrer deutschen, türkischen und serbischen Eltern und Großeltern. Das Leitmotiv der Geschichte ist Liebe, und die Sehnsucht danach, endlich anzukommen. Lange habe ich keinen so starken, schönen Roman gelesen, in dem alle einzelnen Figuren so liebevoll dargestellt werden. Man muss das Buch angeblich gar nicht spätnachts lesen, aber es passt so gut, und ich konnte Suna nicht weglegen, bevor die Geschichte zuende war. Wenn man sich vornehmen kann, eine Nacht durchzutanzen, kann man noch viel schöner eine Nacht durchlesen.

Ich hebe das Teeglas hoch, und dabei sehe ich die Narbe auf meinem kleinen Finger, die ich mir in der Grundschule geholt habe, als wir eine Schale aus einem Stück Teakholz schnitzen mussten. Mit einem Stechbeitel. Stechbeitel. Was für ein Wort.

Ich habe mal gehört, dass die Haut sich mindestens alle achtundvierzig Stunden erneuert. Also, wenn man jemandem nach ein paar Tagen die Hand schüttelt, hat man schon nicht mehr dieselbe Person zu fassen und man selbst ist auch nicht mehr dieselbe Person. Nur die Narben bleiben. Kein Charakterzug, keine Erinnerung ist so stabil.

[...]

Ich wäre jetzt gern ein bisschen sentimental, aber ich bin es nicht. Ich bin vollkommen ruhig. Ich bin vollkommen leer, und dann fange ich auf einmal an zu weinen.

Dabei weine ich sonst nur vor dem Fernseher. Das letzte Mal wegen irgend so einer Tiersendung.

Wolfgang Herrndorf – In Plüschgewittern, S. 126.

Ich mag Protagonisten, die nicht so recht wissen, wohin mit sich und dem Leben, und sich beim Herumstolpern zu viele Gedanken machen. Die sich kaputt denken, an dieser Welt und ihren seltsamen Begebenheiten. Man könnte es Popliteratur nennen, man muss aber nicht. Eine wahnsinnig schöne Vorstellung, dass man alle 48 Stunden in einer neuen Haut steckt; und auch, dass Narben die Fixpunkte auf dieser neuen Hülle sind. Das, was bleibt. Stabil.

Dies ist keine sachliche Rezension. Dies hier ist keine objektive Rezension. Solche Dinge und bezaubernde Interviews können Sie woanders lesen. Zum Beispiel hier. Dies hier ist vielmehr eine Liebeserklärung, weil einer der wunderbarsten Menschen, die ich überhaupt kenne, das erste Buch geschrieben hat. Machen wir uns nichts vor – Lisa hätte statt eines Romans auch ihre Memoiren auf einem Bierdeckel schreiben können, und auch das hätte ich bezaubernd gefunden. Irgendwie. Trotzdem ist das hier ein anderes Kaliber, und es passt hervorragend. Zur Bettwäsche und zu allem.

Wie das ist, wenn jemand stirbt, der zu jemandem gehörte, der einem selbst nahe steht, dieser Schmerz aus zweiter Hand, die Mischung aus der eigenen Trauer und der fremden. Diese Sprachlosigkeit, die einen übermannt, weil es zum Tod von geliebten Menschen noch nie etwas Passendes zu sagen gab. Keine Worte, die in solchen Situationen die Welt zusammen hielten. Weil nichts hilft außer Weiteratmen, und selbst das in manchen Momenten einfach schier unmöglich scheint. In Lenes und Tonias Leben ist das die erste richtige Krise, zwischen all den Belanglosigkeiten und Nichtigkeiten, die das Jungsein dankbarerweise mit sich bringt. Auf einmal hilft nichts außer Wegfahren, einfach selbst für eine Weile nicht mehr da sein, an diesem Dort, wo alles stattfand und jeder einzelne Gegenstand eine Bedeutung hat, die er gestern noch nicht hatte. Weil er es nicht haben musste. Weil ein einzelner unachtsamer Augenblick die Welt verändert, in der wir uns eben noch so sicher und geborgen fühlten.

Dies ist kein leichtes Buch. Keins von denen, die einen als seichte Lektüre am Strand mal eben unterhalten. Keins von den Büchern, die einen schmunzeln lassen. Dies ist ein Buch, das einen zwischendurch auf eine Art und Weise berührt, dass man es weglegen muss, die Musik laut aufdrehen, einen Moment wieder im Hier und Jetzt ankommen und die Tränen runterschlucken, weil das alles so nahe kommt. Trotzdem, oder gerade deswegen ist dieses Buch kein Buch, das man nicht gelesen haben kann.