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Auf einmal ist es draußen minus zehn Grad kalt, die Straßen sind vereist. Kleine Schritte führen zum Soul Allnighter. Grandioses Kontrastprogramm, das auf jeden Fall zur Tradition werden könnte. Wir sind gekommen, um zu tanzen, für übermäßig besinnliche Momente ist hier zum Glück kein Platz. Es gibt diese Momente an einem Club-Abend, an denen die gemeinsame Stimmung genau auf dem richtigen Level ist, das Ganze folgt einer Wellenbewegung. Im Augenwinkel sehe ich dann meine letzte Baustelle, die Jacke ausziehend. Dass wir uns nicht mehr sehen würden, war eine demokratische Entscheidung gewesen, die sich natürlich nicht auf zufällige Begegnungen auswirken konnte.

Nach einigen Liedern gehe ich rüber, wir sind ja schließlich total erwachsen. Unsere Flaschen berühren sich mit einem Geräusch, das mit einem Prosit nicht viel gemein hat. Sein Freund ist plötzlich verschwunden, wir sprechen ein paar Sätze Höflichkeitsdeutsch. Ich muss den Kopf ein wenig in den Nacken legen, um ihn anzuschauen. Sein lockiges Haar sieht in der Diskobeleuchtung aus wie ein Lammfell, ich würde es gerne noch einmal anfassen. Bei der Addams Family gab es früher eine Hand, die sich im spukenden Haus umherbewegte, ohne Körper dran. Das eiskalte Händchen. Meine Hände führen auch so ein mysteriöses Eigenleben, theoretisch zumindest. Jetzt gerade ziehen sie der Flasche ihr Etikett ab, eine Übersprungshandlung erster Klasse. Das Gespräch stockt nach einer Weile, und ich lache in die peinliche Gesprächspause hinein. Er sagt etwas zur Beruhigung, und mir fällt wieder einer der Gründe ein, weshalb ich nicht seine Freundin sein konnte. Seine Gesprächsmimik erinnert mich zeitweise an die Figuren aus den Lustigen Taschenbüchern. In seinen Augen steht noch irgendetwas über verletzte Gefühle, mein schlechtes Gewissen mischt sich mit dem Gedanken, dass ich ihn gerne mehr gemocht hätte. Der nächste Song rettet mich auf die Tanzfläche, es ist alles gesagt, was es zu sagen gab. Aus dem Augenwinkel beobachte ich ihn noch eine Weile, semisentimental.

Zum Glück möchte die Soulbegleitung weiterziehen. Ohne Verabschiedung stapfen wir durch die leere Fußgängerzone, einer sibirischen Steppe gleich. In einem Schnellrestaurant tauen die Ohren langsam wieder auf. Am Tisch neben uns sitzen Halbwüchsige, die über ihre Frauengeschichten sprechen wie Schnäppchenjäger über ihre Errungenschaften im Ein-Euro-Laden. Breit grinsend und schweigend sitzen wir da, und auf einmal ist der Abend zu Ende. Zahnweh und Müdigkeit breiten sich aus, der nächste Club bleibt unbesucht, die Nachtlinie ist vor einer Minute gefahren.

Eine Taxifahrt ist nötig im Angesicht einer halben Stunde Wartezeit im Freien. Der Fahrer ist ein vom Leben gedemütigter Mann, der auf der kurzen Strecke nicht nur die Schlechtigkeit der heutigen Gesellschaft kritisiert, sondern auch noch die Evolutionstheorie von Darwin für ungültig erklärt und die Existenz Gottes belegt. Seine Thesen bewegen sich auf einem recht unterirdischen Stammtischniveau, aber ich will nur nach Hause, unter warmen Daunen liegen. Beim Aussteigen fällt mein Blick auf ein Schildchen auf dem Armaturenbrett, das mich bis zum Einschlafen mit Heiterkeit erfüllt. Ein ganz einfaches Namensschild, mit einem entscheidenden Zusatz, der sowohl die Art seiner Thesen als auch seine starke Verbitterung über die Welt erklärt – als taxifahrender Dipl. Politologe ist er das personifizierte Klischee des gescheiterten Geisteswissenschaftlers. Dafür bekommt er auch ein bißchen mehr Trinkgeld als ein normaler Taxifahrer, Bildung muss schließlich angemessen honoriert werden.

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Hier zu sein ist ein glücklicher Zufall, beim letzten Besuch habe ich das Konzert irgendwie knapp verpasst. Die Vorband von Norman Palm im Magnet heißt Hundreds – und ist die erste Vorband seit langem, deren Musik mir richtig gut gefällt. Vielleicht ist das die sentimentale Vorfreude, aber die haben ein paar schöne Songs (wenn auch nicht alle auf ihrer Myspace-Seite zu finden sind).

Das Highlight an der Perfomance von Norman Palm ist dann das im Hintergrund passend zu den Songs durchgeblätterte Buch, das er selbst gestaltet hat. Noch nie habe ich eine Person so sehr vermisst wie bei diesem Konzert, ich würde am liebsten jeden einzelnen Song in der Live-Version konservieren. Das Publikum ist insgesamt ziemlich steif, keiner singt so richtig mit oder tanzt ordentlich, alle stehen nur rum und starren ihn an. Die ersten zwei Reihen sind reine Groupies, Mädchen wollen nur Spaß haben – das singt er zwar diesmal nicht live, aber wir kennen das ja. Bezaubernder junger Herr im karierten Hemd, die Posaune von Boys don’t cry imitiert er erstaunlich echt, sein Begleitmusiker zaubert mit einem winzigen DDR-Kinderpiano rum. Nach dem Konzert möchte ich mein Album für meine Vermissten-Meldung signieren lassen, aber keiner von uns beiden hat einen Stift. Er sagt, er bringt die Gitarre weg und würde danach wieder kommen. Das hat er wohl vergessen, und nach einer langen Weile lande ich doch auf der Tanzfläche.

Deswegen bin ich hier, irgendwie sollte ich mein Leben nicht mit Warten verschwenden, und auch nicht mit Vermissen. Die Indie-Disko, heute Karrera Klub, hat anscheinend in Berlin ein aufrichtiges Nachwuchsproblem, wo sind die Leute? Es gibt zwei Tanzflächen, die sich gegenseitig kannibalisieren, der eine DJ spielt dem anderen die Leute rüber. Was auch definitiv fehlt, ist eine richtige Indie-Jugend, bei uns sind das Jungs, die wie Oasis oder vielleicht der Sänger von den Kooks aussehen, und Mädchen mit Seitenscheiteln und gepunkteten Shirts. Indie ist in Berlin anscheinend ziemlich gestorben. Das Heimweh ist auf einmal richtig groß, am Ende ist genau der richtige Punkt erreicht, der die lange Fahrt wie einen Segen erscheinen lässt. Aber Jungs weinen nicht, und Mädchen wollen nur Spaß haben – das sollte man sich auf die Innenseite der Stirn schreiben lassen, mit einem Laserschwert.

Die HUNDERTMARK-Jungs: Christian, Philipp, Franz (der Raum mit den verschiedenen Tapeten ist tatsächlich ein Büro).

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Hipster, wohin das Auge blickt:

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Der Stargast des Abends: The Funky Blue Pony.

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Ein wahnsinniger Abend mit den Jungs bei der VICE-Party. Total knallvoll mit Elektrofreunden & schönen Menschen, die meisten in Röhrenjeans. Mit einem Münchner Heimatabend nicht zu vergleichen, aber vielleicht gehe ich da zu selten in Elektro-Clubs. Sehr amüsant auch die verbrachte Zeit im Büro ein Stockwerk über der Party, sozusagen die Nebenparty. Danke, Jungs – für einen grandiosen Abend. IchHUNDERTMARK. EDIT: Natürlich auch das einzige Fräulein, Lydi Hundertmark, die die restlichen Bilder noch hier hochgeladen hat.

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Erst vergesse ich das Ticket daheim, was mir wenigstens noch in der Nähe meiner Wohnung einfällt, dann fühlen sich die Lieder der Vorband wie eine halbe Ewigkeit an. Irgendwann ist es endlich soweit, das William Fitzsimmons Konzert in München beginnt und schon die ersten Songs öffnen alle Schleusen. Das Publikum besteht aus etwa 50 Leuten, gefühlsmäßig erinnert es ein wenig an das Wohnzimmerkonzert, nur diesmal sind die Wände zerkratzt wie eine alte Schultoilette. Bei jedem Song wird einem das Herz ein Stück weiter raus gerissen, zwischen den Liedern gibt es dann Witze, die wie Duct Tape alles zusammenhalten. Bei irgendeinem Witz lache ich so laut, dass er mein Lachen kommentiert und ich automatisch tomatenfarben im Gesicht werde. Aber eigentlich ist das nichts Neues, mein Lachen gleicht einer Orkanböe, man hört es unverkennbar durch Schallschutzwände. Im kleinen Kreis der Zuhörerschaft entsteht das, was man wohl eine besondere Atmosphäre nennen kann, keiner ist zufällig hier her gekommen. Am Ende des Konzerts steht er neben seinem Merchandise-Stand, schüttelt allen die Hand, unterschreibt hier, scherzt da, und freut sich total, seine Hörer kennen zu lernen. Ohne Übertreibung war das Konzert das sympathischste, auf dem ich je war – seine Tour führt noch bis Ende nächster Woche durch Deutschland. Unbedingt hingehen, ein Bier mit ihm trinken, wunderschöne Musik hören und einen grandios amüsanten Abend haben.

Der Türsteher fragt mich nach meinem Ausweis. Er kriegt den Blick zurück, der sagt: Das ist doch nicht dein Ernst, Freundchen. Aber auch den Ausweis, kommentarlos. Und er meinte, ich könne das als Kompliment sehen. Sehr schön vor allem die Tatsache, dass ich als wirklich Minderjährige selten bis gar nicht gefragt wurde. Danach drinnen dann lustige junge Damen getroffen. Und den kleinen Bruder einer Freundin. Irgendwie wundere ich mich jedes Mal, dass er jetzt schon so groß geworden ist. Dass er schon Auto fahren darf. Dass er sich für Mädchen interessiert. Eben war er doch noch 14 und fuhr lieber Skateboard, als dass er überhaupt was mit Mädchen zu tun haben wollte. Jetzt erzählt er von seinem Gastrojob in Münchens Schnitzel Manufaktur per se, begrüßt mich mit Bussi-links/Bussi-rechts, und stellt mich einem Freund namens Osama vor. Das Erschütternde daran: ich glaube, wir sind in etwa der gleiche Jahrgang.

Ansonsten dann, als Hutträger, die anderen Leute mit Hut fotografiert. Man sollte viel öfter Hut tragen. Jedenfalls, wenn man ein Hutgesicht hat.


Diesen jungen Mann zu fotografieren, war wiederum gar nicht so einfach. Und das vor allem, weil er so wild und lustig getanzt hat. Eine Stimmungskanone. Aber mit Hut tanzt es sich ja auch besser.