Wie aufregend so eine Lebensveränderung ist; man macht sich ja vorher keine genaue Vorstellung davon. Wahrscheinlich ist das ganz gut, manche Dinge vorher nicht zu Ende zu denken. Um nachher mit einer gesunden Portion Naivität und ohne Schwimmflügel in das Haifischbecken zu springen, und dort ein wenig schwimmen zu üben. Schwimmen, da macht man die Arme und Beine einfach so vor und zurück, so schwer kann das ja nicht sein, bei den Anderen sieht das ja auch ganz einfach aus. Irgendwie so ähnlich ist das mit der Selbstständigkeit auch, wenn man als Kreativer auf einmal etwas verkaufen möchte, obwohl man bisher noch nie etwas so Persönliches von sich verkauft hat. Auf einmal ist man Unternehmer, und der eigene Chef noch dazu. Wow.
Auf einmal macht man alle Regeln selbst und auf einmal spazieren die großen Fragen ins Leben: Was ist eine Idee eigentlich wert? Und wieviel ein Tag Lebenszeit, wenn man auf einmal ein Preisschild dranhängen soll? Wie viel Zeit möchtest du wirklich mit Arbeiten verbringen, wenn es niemanden gibt, der dir sagt, dass es mindestens 40 Stunden pro Woche sein müssen? Gibt es sowas wie ein Wohlfühlarbeitspensum? Und wenn ja, wo genau liegt das bei dir? Im SZ-Magazin gibt es gerade einen Artikel über die letzten Wünsche, die Menschen einer Krankenschwester anvertrauen, die sie in den letzten Wochen vor ihrem Tod zuhause pflegt und begleitet. Sie hat die unerfüllbaren Wünsche zu Protokoll gegeben, die kurz vor dem Tod am häufigsten geäußert werden. “Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.” Eigentlich kommt es einem seltsam logisch vor; ohne zu wissen, wie viel Zeit man insgesamt hat, gibt es ja enorm viele Dinge, die man sehen, tun, erleben will, die nichts mit Arbeit zu tun haben. Wann, wenn nicht jetzt? Man kann seinen Job sogar lieben und andere Dinge aus dem Katalog “Leben und so” trotzdem noch schöner finden.
Auf die meisten offenen Fragen habe ich noch keine finale Antwort, auf einmal ist alles möglich, wenn eben nichts mehr “so sein muss”. Und die Sätze “Man steckt nicht drin!” oder “Muss ja.” auf einmal in meinem Leben nicht mehr gültig sind. Vielleicht hilft es, das Holstee Manifesto an die Wand zu hängen und sich die wichtigsten Sätze darin sehr zu Herzen zu nehmen: This is your life. Do what you love, and do it often. If you don’t like something, change it. If you don’t like your job, quit. [...] Travel often. Getting lost will help you find yourself. Some opportunities only come once, seize them. Vielleicht ist es ganz sinnvoll, nicht erst über die großen Themen und geheimen Wünsche nachzudenken, wenn man todkrank ist und nur noch wenige Wochen zu leben hat; wenn man ja jetzt schon einfach damit anfangen kann. Wahnsinnig aufregend, das alles.