Christoph Koch hat ein Buch geschrieben, das vor ein paar Wochen in meinem Briefkasten steckte und geduldig auf genügend Zeit wartete, um gelesen zu werden. (Irgendwie rührend: das letzte Mal, dass mir ein Mann einen Brief auf echtem Papier mit einem Füller geschrieben hat, war zu Schulzeiten, und die Sätze reimten sich.) Die Geschichte hinter dem Buch ist recht schnell erzählt: Christoph Koch testete sechs Wochen lang, wie das so ist, ohne Handy und ohne Internet. Das ging erstaunlich gut, und was er durchmacht, liest sich genau so, wie man das erwarten würde. Höhen und Tiefen, ein paar gute Interviews und die Entspannung, die sich langsam ausbreitet. (Vielleicht sind solche Selbstversuche auch was für Weicheier, wie Harald Martenstein behauptet.)
Worum es aber eigentlich geht: Wie wir digital miteinander kommunizieren und wie wunderlich das manchmal ist. Wir fühlen uns bedrängt von geschäftlichen Emails, in denen Menschen von uns „asap“ eine Reaktion fordern, und unterstützen dieses Verhalten meist trotzdem, indem wir sofort antworten. Selbst wenn die Mail nicht so wichtig ist. Privat finden wir es seltsam, auf die Antwort auf eine Mail zu warten, wenn wir sehen, dass jemand online ist und vielleicht twittert, aber einfach nicht antwortet. Und überhaupt: Wie schnell muss man eine Email beantworten? Und wer sagt das überhaupt? Gefühlsmäßig gibt es da Unterschiede für die „Onliner“ und die „Offliner“, von Menschen, die zweimal die Woche in ihr Postfach schauen, kann man einfach keine schnelle Antwort erwarten.
Trotzdem hinterfragen wir in den seltensten Fällen unseren Umgang mit dem Internet, selbst wenn es uns nervt. Im Zweifelsfall kann man den Rechner ja auch einfach mal ausmachen (privat zumindest – im Job kommt das meist eher nicht so gut an). Das ist in den meisten Fällen aber gar nicht so einfach. Und dann gibt es immer wieder diese Menschen, die einen radikalen Schnitt brauchen, all ihre Accounts löschen und erstmal weg sind. Die meisten sind nach einer recht kurzen Zeit wieder da, manchmal unter neuem Namen und mit neuer Attitüde, weil es ganz ohne auch nicht geht. Vielleicht ist das auch eine Frage des persönlichen Bauchgefühls, aber ich glaube: Dieses Offline, wir müssen es uns langsam ein Stück weit zurückerobern.
Das kann man dann übrigens am Donnerstagabend in der Zitty Leselounge hier in Berlin machen: Christoph liest da aus seinem Buch vor, und bestimmt wird dann da noch total angeregt darüber gesprochen und so. Man kennt das ja. (Ich werde auch da sein, falls ich „asap“ aus dem Büro loskomme.)

Das Buch ist auch auf meiner Wunschliste – ein Thema, das mich brennend interessiert.
Besonders gefallen hat mir der Satz „Dieses Offline, wir müssen es uns langsam ein Stück weit zurückerobern“. Sehe ich nämlich im Übrigen genauso – was aber wohl vor allem denen schwer fällt, die wie ich (Jahrgang 1992) nichts anderes als ständigen Umgang mit dem Internet gewöhnt sind.
Die Frage ist für mich, zumindest im Moment: was zur Hölle würde ich tun? Okay, meine Situation ist nicht sonderlich repräsentativ, ich bin eine gescheiterte Schülerin auf Ausbildungssuche und habe soviel Zeit wie noch nie in meinem Leben. Und wenn ich nicht grade Zeit mit meinen wenigen (arbeitenden) Freunden, meinem (arbeitenden) Partner und meiner (arbeitenden) Familie verbringe, lese ich Bücher. Und was kommt danach?
„Offline, das müssen wir uns ein Stück weit zurückerobern.“ Oder vielleicht gar nicht so sehr versuchen, und da reinziehen zu lassen. bzw. uns selber eine Grenzen setzen. Es gibt schon ein tolles Gefühl, multimedial unterwegs zu sein, immer und überallzu kommunizieren…nur ds fült ja leider nicht die Abende alleine.
Ich denke, ich möchte dieses Buch lesen…
Ich hatte das Buch auch schon vor Monaten im Börsenblatt gesehen und will es unbedingt lesen. Es gibt auch ein zweites zu dem Themavon Alex Rühle. Ich denke ich werde beide lesen und dann mal vergleichen.
Das von Rühle hatte ich auch schon in der Hand, er hat den Selbstversuch ja noch eine ganze Weile länger durchgezogen als Koch.
Ja. Aber!
So richtig das irgendwo ist, so falsch finde ich den Denkfehler. Den Denkfehler offline und online klassifizieren zu wollen.
„Zu Hause hab ich keinen Computer.“ „Am Wochenende geh ich nich ins Internet.“ „Ich mach jetzt mal ne Woche Internet-Pause.“ Alles schon mehrfach gehört, und jedesmal wieder erschrecke ich ob dieser konstruierten Zwänge.
Um mal einen schlechten Vergleich zu konstruieren: Wenn ich denke, „ich hab in letzter Zeit zu viel Junk Food gegessen.“, dann sag ich mir nicht, „ich ess jetzt mal ne Woche gar nix.“ oder „am Wochenende ess ich nix.“, sondern ich versuche meine Ernährung wieder bewusster zu gestalten.
Will sagen: Gerade weil der Umgang mit neuen Kommunikationskanälen und -formen und dem Mehr an Menschen, die wir dort zu verwalten haben, erst gelernt werden will, müssen wir diesen regelmäßig reflektieren, soweit bin ich da bei dir, und eben bewusst gestalten.
Dazu gehört dann eben auch, eine E-Mail ruhig mal liegen zu lassen, oder nicht alle fünf Minuten Twitter oder facebook zu checken. Das gelingt mir auch nicht immer.
Aber wenn wir es schaffen, diese Kontrolle zu behalten, bzw. zu erlangen, dann brauchen wir auch keine auferlegten Offline-Phasen. Dann können wir auch ständig online sein.
@Paul: Ich bin ja auch nicht der Meinung, dass es ein „ganz ausmachen“ für jeden geben sollte. Das geht ja auch für manche von uns gar nicht. (Das sagt das Buch übrigens auch nicht.)
Es geht um ein wohliges Online/Offline-Konglomerat, das für jeden anders aussieht.
Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es bei den meisten „irgendwie“ ist, und eben nicht immer so, dass es ihnen gut tut.
Ich glaube auch, dass es da kein allgemeingültiges, für jeden zu 100 Prozent funktionierendes Rezept gibt oder geben kann – jeder muss da selbst seinen Weg finden, ein Gleichgewicht ausmachen, das für ihn funktionieren kann und gesund für ihn ist. (Ich glaube im Übrigen nicht, dass ich das bislang gefunden habe.)
Hm. Was tun? Bei schönem Wetter geht das ganz gut. Abends? Schon weniger. Ich nehm es mir oft vor aber gelingen tut’s mir nicht. Der Fernseher läuft stumm, da das Programm meist stört. Also les ich hier im Netz, was so kreative Köpfe schreiben. Bücher? Ich erwisch mich, wie schnell sie mich langweilen. Einfach zuviel Text, da man schon so verwöhnt ist mit den ganzen Kurznachrichten und -geschichten. Ich merk, wie unruhig ich werde, wenn sie im Roman nicht auf den Punnkt kommen. Telefonieren? Hm. Ja, nebenbei skypen, mit mehreren. Ob das so gut ist? Wahrscheinlich nicht, aber man tut es doch mit ‘das Meiste ist eh nicht so wichtig’ ab. Ich habe die Hektik angenommen und geb sie natürlich weiter, mit meiner Schnellsucht. Meine Flucht, mein Off: meine Kinder. Raus, an die Luft. Spielen, lesen, Hausaufgaben. Bewusst Nein, Computer/TV ist heut nicht. Nur für michselbst muß ich es noch durchziehen. Schwer umzubauen, das Off als neues bequem.
Mittlerweile sinbd doch die Arbeits- und Organisationsstrukturen so gewachsen, dass man erhebliche Nachteile durch Offline hat – hinsichtlich Kosten, Komfort und Effizienz der Kommunikation.
Die Entwicklung ist einfach so – im Auge behalten, dass das Kommunikation als Selbstzweck nicht sein sollte und einen Sinn oder eine Motivation hat – und das Ganze wird wesentlich einfacher.
Die Menschen, also die Mehrheit, keine Einzelfälle, die gern die Suchtforscher antreiben, werden darüberhinaus auch nie vergessen, dass die Sonne draußen wärmt und schön ist, Glück verschafft – die Bildschirmsonne i.d.Regel aber nicht.
Mit dieser Einsicht geht es mal auf und ab, aber im Wesentlichen werden die Personen, die Online only leben wollen, in der Minderheit bleiben.
Wird auch durch das Wirtschaftssystem gedeckt – denn mit Dienstleistungen im Netz vor dem Rechner Geld verdienen, okay. Aber ausgeben nur für virtuelle Güter?
Da bringt GEarth doch viel zu viele Sehnsüchte zu den Menschen, Sehnsüchte in der realen Welt.
Finde das „Experiment“, eine gewisse Zeit ohne Internet und Handy zu leben, recht läppisch.
Ein Jahr ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser…das wäre mal interessant.